Berufung in krisenhaften Zeiten: Jeremia 1
- Stephan Sturm
- 7. Dez. 2025
- 4 Min. Lesezeit
Das erste Kapitel des Jeremiabuches öffnet unser Verständnis von Berufung in krisenhaften Zeiten. Es zeigt einen jungen Propheten, der nicht als Held auftritt, sondern als Mensch, der sich von Gott rufen lässt. Gerade diese Spannung zwischen Berufung und Überforderung macht das Kapitel relevant für Menschen, die heute Verantwortung in Kirche, Gesellschaft oder Beruf übernehmen wollen.

1 – Eine Gesellschaft im Umbruch
Jeremia wächst in einer politisch und geistlich angespannten Situation auf. Juda schwankt zwischen Reform und Resignation. König Josia erneuert den Gottesdienst, doch viele Menschen halten sich innerlich von Gott fern. Anathoth, der Heimatort des Propheten, ist eine kleine Priesterstadt bei Jerusalem, von der aus man die Mauern der Hauptstadt sehen kann[1]. Jeremia gehört zu keiner mächtigen Familie und beginnt seinen Dienst als Außenseiter. Gerade das macht ihn zu einem glaubwürdigen Zeugen: Er hat keine eigene Machtbasis, deshalb kann er frei sprechen.

Die Bedrohung im Norden nimmt zu. Assyrer und Babylonier rücken immer näher, und das Volk befindet sich im Spannungsfeld zwischen Hoffnung auf Reformen und Furcht vor dem Untergang. Diese politischen und geistlichen Spannungen bilden den Hintergrund für Gottes Wort an Jeremia.
2 – Gottes Initiative
Alles beginnt mit Gottes Initiative. Jeremia erfindet seinen Auftrag nicht und bewirbt sich auch nicht um eine besondere Rolle. „Dann geschah das Wort des HERRN zu mir“, heißt es im Bericht. Dies macht deutlich: Jede echte Berufung entspringt dem Wort Gottes und nicht menschlicher Selbstdarstellung. Führung im Reich Gottes entsteht aus Hören, deshalb kommt es auf die Bereitschaft an, sich von Gottes Wort treffen zu lassen.

3 – Vor der Geburt berufen
Gott sagt zu Jeremia: „Bevor ich dich im Mutterleib bildete, kannte ich dich; bevor du geboren wurdest, habe ich dich ausgesondert“[2]. Dieses Bekenntnis gibt dem jungen Propheten einen festen Grund. Seine Identität liegt nicht in seiner späteren Aufgabe, sondern in Gottes Sicht auf sein Leben. Noch bevor er handeln kann, wird sein Leben gesehen, geformt und beauftragt. Daraus ergibt sich: Wer Verantwortung trägt, braucht eine tiefere Grundlage als die eigene Kompetenz. Es ist entscheidend, sich gewollt und gesendet zu wissen.

4 – Menschliche Schwäche und göttliche Antwort
Jeremia reagiert auf seinen Auftrag mit der Bemerkung: „Ich bin zu jung; ich kann nicht reden.“ Er fühlt sich überfordert und hält seine Jugend für ein Hindernis. Gott widerspricht. Er sagt: „Sag nicht: Ich bin zu jung“ und stellt klar, dass Jeremia zu allen gehen wird, wohin Gott ihn sendet[3]. Die eigene Schwäche disqualifiziert ihn also nicht. Im Gegenteil, sie wird zum Raum, in dem Gottes Kraft sichtbar wird. Menschen, die sich heute berufen fühlen, kennen diese Spannung zwischen Aufgabe und Unvermögen. Sie dürfen daraus lernen: Berufung richtet sich nicht an die Starken, sondern an die Hörenden.

Gottes Antwort geht ins Herz: „Fürchte dich nicht, denn ich bin mit dir.“ Damit nimmt Gott die Angst ernst, ohne sie zu verharmlosen. Er berührt Jeremias Mund und legt seine eigenen Worte hinein. Aus dieser Nähe erwächst der Mut, den Jeremia braucht. Wer heute vor großen Aufgaben steht, findet hier einen Anker: Mut entsteht dort, wo Gottes Gegenwart die eigenen Grenzen überschreitet.

5 – Bilder der Berufung
Gott schult Jeremia mit zwei Visionen. Zuerst sieht er einen Mandelzweig. Der Mandelbaum ist die erste Pflanze, die im Frühling blüht. Sein hebräischer Name klingt ähnlich wie das Wort für „wachen“ oder „wachen über“, deshalb deutet Gott den Zweig als Zeichen dafür, dass er wachsam über sein Wort wacht[4]. Dieses Bild verbindet Schönheit und Verlässlichkeit: Was Gott zusagt, das erfüllt er.
Die zweite Vision ist ernster: ein siedender Topf, dessen Öffnung sich nach Süden neigt. Das hebräische Bild beschreibt einen Kessel, der kurz davor ist, seinen Inhalt über das Land zu verschütten. Gott erklärt, dass aus dem Norden Unheil über Juda hereinbrechen wird, weil das Volk ihn verlassen hat[5]. Diese Visionen kombinieren Trost und Warnung. Sie erinnern daran, dass Gottes Treue und Gerechtigkeit zusammengehören. Verantwortungsträger brauchen beides: Zuversicht und Klarblick.

6 – Standhaftigkeit trotz Widerstand
Jeremia erhält den Auftrag, Königen, Priestern und dem Volk entgegenzutreten. Widerstand ist sicher. Deshalb verspricht Gott ihm Standfestigkeit: Er macht ihn zu einer festen Stadt, zu einer Eisensäule und zu einer bronzenen Mauer[6]. Diese Metaphern betonen nicht Jeremias eigene Stärke, sondern die unerschütterliche Beständigkeit Gottes, die den Propheten trägt. Für Menschen, die heute unbequeme Wahrheiten vertreten müssen, gilt das Gleiche. Nicht jedes Umfeld bietet Zustimmung, aber Treue trägt weiter als Zustimmung.

7 – Leitung aus der Nähe Gottes
Das Kapitel endet mit einem Blick auf die Grundsätze geistlicher Leitung. Verantwortung entsteht nicht durch Macht, sondern durch Hören; nicht durch Status, sondern durch Treue. Menschen in Leitungspositionen kennen Zeiten des Zweifels und des Drucks. Jeremia 1 ermutigt: Gott ruft, Gott begleitet, Gott stärkt und Gott führt durch Krisen hindurch. Wer anderen Orientierung gegeben will, braucht zuerst eine innere Festigkeit, die aus der Nähe Gottes kommt. Der Prophet wird damit zum Spiegel für heutige Leiterinnen und Leiter.

8 – Hoffnung für die Zukunft
Schließlich endet das Kapitel mit einer Zusage, die über Jeremias Zeit hinausreicht: Gott ist bei denen, die sich senden lassen. Er schenkt Mut, wo Angst herrscht; er schenkt Klarheit, wo Chaos ist; er schenkt Standfestigkeit, wo Widerstand wächst. Daraus ergibt sich: Auch in Zeiten des Umbruchs beginnt Gott etwas Neues mit Menschen, die offen für seine Stimme sind. Der aufgehende Sonnenball über der alten und der neuen Stadt erinnert daran, dass Gottes Geschichte mit seinem Volk weitergeht. Heute wie damals.

[1] David Guzik, Jeremiah 1 – The Call of a Reluctant Prophet, Kommentar zu Jeremia 1, Zeilen 90–96: Anathoth als Priesterstadt in der Nähe Jerusalems.
[2] David Guzik, ebd., Zeilen 160–164: Gottes Aussage „Bevor ich dich im Mutterleib bildete, kannte ich dich“.
[3] David Guzik, ebd., Zeilen 210–219: Gottes Antwort auf Jeremias Einwand und die Aufforderung, sich nicht wegen seiner Jugend zu fürchten.
[4] David Guzik, ebd., Zeilen 350–373: Bedeutung des Mandelzweigs als Hinweis auf Gottes Wachsamkeit und schnelle Erfüllung seines Wortes
[5] David Guzik, ebd., Zeilen 378–400: Interpretation des siedenden Topfes als Bild des kommenden Gerichts aus dem Norden.
[6] David Guzik, ebd., Zeilen 430–439: Gottes Zusage, Jeremia zu einer festen Stadt, einer Eisensäule und bronzenen Mauer zu machen.