Kritischer Empirismus bei Hume
- Stephan Sturm
- 10. Feb. 2025
- 14 Min. Lesezeit

Wir sind also beim kritischen Empirismus bei Hume. Hume findet, dass Locke nicht genau genug ist, und entwickelt den Empirismus weiter. Hume hat vor allem mit seinen kritischen Anmerkungen zum Kausalitätsprinzip berühmt geworden. Dieses Prinzip hat Kant später auch beschäftigt und zu seinen Überlegungen beigetragen.
Gedanken und Wahrnehmungen
Jedermann wird bereitwillig zugeben, dass ein beträchtlicher Unterschied zwischen den Perzeptionen des Geistes besteht, wenn ein Mensch den Schmerz übermäßiger Hitze empfindet oder den Genuss mäßiger Wärme und wenn er sich nachher diese Wahrnehmung ins Gedächtnis zurückruft oder sie in der Einbildungskraft vorwegnimmt.
Locke hatte ähnliche Vorstellungen. Er sagte, dass echte Wahrnehmung intensiver ist als vorgestellte, gedachte oder erinnerte. Hume sagt das auch.
Hier können wir deshalb alle Perzeptionen des Geistes in zwei Klassen oder Arten unterteilen, die durch ihre verschiedenen Grade der Stärke und Lebendigkeit unterschieden sind. Die weniger eindringlichen und lebhaften werden gemeinhin Gedanken oder Ideen genannt.
Das hatten wir auch bei Locke. Die Gedanken sind nicht so eindringlich und lebhaft. Locke hatte das weniger intensiv genannt. Das Argument ist also immer dasselbe. Man kann Gedanken und Wahrnehmungen anhand ihrer Intensität unterscheiden. Das ist ein eher schwaches Argument.
Keine angeborenen Ideen

Hume glaubt wie die anderen Empiristen, dass Ideen nicht angeboren sind. Er glaubt wie Locke, dass unsere Vorstellungen von der Außenwelt abhängen können.
Aber diese Vorstellung und die Übereinstimmung sind nicht nachweisbar. Locke hatte gesagt, man kann feststellen, ob die einzelnen Ideen, mit denen man Dinge zusammengesetzt hat, auch in der Außenwelt vorkommen. Hume lehnt das jetzt ab.
Hume sagt, dass alles, was wir wissen, durch Erfahrung entsteht. Wie bei Locke ist der Begriff des Materials wichtig. Das heißt aber nicht, dass die Erkenntnis nicht aus der eigenen Verstandestätigkeit kommen kann. Es schließt nur aus, dass der Verstand das Material für diese Erkenntnis selber produziert. Descartes hat das schon gesagt: Wissen kommt nur von Begriffen. Jeder Empirist wird sagen, die reinen Ideen und die reinen Begriffe sind leer, sofern sie nicht auf Material in der Wahrnehmung bezogen sind. Deswegen sagt er auch, dass man sich fragen muss, ob man Begriffe aus der Wahrnehmung ableiten kann. Entweder sind sie schon da oder sie sind egal für das Verständnis.
Zum Beweis dessen werden, so hoffe ich, die beiden folgenden Argumente ausreichen. Erstens, wenn wir unsere Gedanken oder Ideen, seien sie auch noch so zusammengesetzt und erhaben, analysieren, stellen wir stets fest, dass sie sich zu solchen einfachen Ideen auflösen, die ein vorausgehendes Gefühl oder eine Empfindung kopieren.
Das ist wie bei Locke. Es gibt einfache Ideen wie weiß, gelb, hart, weich. Aus diesen einfachen Ideen werden dann komplexere Ideen. Man kann sie aber auch wieder in die einfachen Ideen zerlegen. Dann kann man feststellen, ob diese einfachen Ideen tatsächlich einer Wahrnehmung entsprechen.
Zweitens, wenn zufällig jemand wegen eines organischen Fehlers für irgendeine Art der Wahrnehmung nicht empfänglich ist, so stellen wir stets fest, dass er ebenso wenig für die entsprechenden Ideen empfänglich ist.
Das ist auch wieder ähnlich wie bei Locke, nur dass Locke dieses Arguments nicht hat. Es kann keine Ideen geben, die man schon immer hat, denn dann müssten sie auch bei denen sein, die die korrespondierenden Wahrnehmungen nicht haben. Das ist aber nicht so. Es gibt noch ein Beispiel.
Ein Blinder kann sich keinen Begriff von Farben, ein Tauber keinen von Tönen machen. Man stelle bei jedem von beiden den fehlenden Sinn wieder her, indem man diesen neuen Einlass für seine Wahrnehmungen öffnet, öffnet man auch einen Einlass für die Ideen, und es macht ihm keine Schwierigkeit, sich diese Gegenstände vorzustellen.
Das muss eine Geburt an Blinder sein, sonst hätte er die Ideen aus der Zeit, als er noch sehen konnte. Hume sagt, dass ein Blinder keine Farben kennt und ein Tauber keine Töne kennt.
Wir müssen uns noch mal erinnern. Alles, was wir wissen, haben wir durch Erfahrung gelernt. Aber man weiß nicht, ob man allgemeine Begriffe aus der Wahrnehmung ableiten kann. Man weiß nicht, ob man allgemeine Begriffe aus der Wahrnehmung ableiten kann. Das war bei Locke noch ohne weiteres durch die Abstraktion gewährleistet.
Oder um mich philosophisch auszudrücken, alle unsere Ideen oder schwächeren Perzeptionen sind Kopien unserer Eindrücke oder lebhafteren Perzeptionen.
Empiristen glauben, dass alles, was wir denken, aus der Wahrnehmung kommt. Also sind alle unsere Ideen nur Kopien dieser Eindrücke.
Überzeugung ist der richtige und geeignete Name für dieses Gefühl. Und niemand ist je in Verlegenheit hinsichtlich der Bedeutung dieses Ausdruckes, weil sich jeder jederzeit der dadurch bezeichneten Empfindung bewusst ist.
Das ist eine neue Konsequenz, die Hume zieht. Wir können nämlich nicht sicher wissen, ob die Ideen in unserem Kopf auch der Realität entsprechen. Wir glauben nur, dass sie so sind. Auf Englisch heißt das auch "Belief".
Wir glauben automatisch, dass allen unseren Vorstellungen von Gegenständen auch tatsächlich Gegenstände entsprechen. Eigentlich haben wir dazu aber keinerlei Berechtigung.
Quellen der Erkenntnis

Wie bei Locke haben wir also unterschiedliche Quellen der Erkenntnis. Bei Locke sind das die Sensation und die Reflection. Bei Hume heißen die Wahrnehmungen oder Impressions und Gedanken, Ideen oder Thoughts. Die Grundidee ist dieselbe.
Wir haben Einzelideen, einfache Ideen, hart, weich, weiß, gelb, kalt, heiß und so weiter. Und kombinieren daraus später Gegenstände.
Unter der Bezeichnung Eindruck verstehe ich also alle unsere lebhafteren Perzeptionen, wenn wir hören, sehen, fühlen, lieben, hassen, begehren oder wollen. Das ist noch ein bisschen anders als die einfachen Ideen bei Locke. Denn Eindrücke sind nicht nur Eigenschaften von Gegenständen, sondern auch das, was bei Locke erst in der Reflexion stattfindet. Nämlich, wenn wir etwas hören, sehen, fühlen, lieben, hassen, begehren oder wollen, was ja schon in Tätigkeiten des Verstandes sind.

Das sind einfache Ideen, die wir ohne Weiteres wahrnehmen können. Wie bei Locke beruhen sie auf einfachen Vorstellungen. Die einfachen Ideen kommen also von der Erfahrung. Aus einfachen Ideen entstehen dann komplexe Ideen. Der Unterschied zwischen Hume und Locke ist, dass diese kombinierten Ideen irreal sein können. Wir können, wie bei Locke, feststellen, ob die Ideen, aus denen wir zum Beispiel diesen Baum hier zusammengesetzt haben, Dingen in der Außenwelt entsprechen. Wir können das tun, indem wir sie wahrnehmen. Aber nur, weil wir etwas wahrgenommen haben, heißt das nicht, dass es real ist. Wir haben den Baum ja selbst gemacht.
Hume löst jetzt das Problem, das Locke hatte. Wir hatten bei Locke festgestellt, dass er Tätigkeiten der Seele annimmt, aber nicht erklärt, woher sie kommen. Hume nimmt ausdrücklich eine schöpferische Kraft an. Das ist bei Kant die Spontaneität des Verstandes. Das hat mit den Assoziationsgesetzen zu tun.
Hume nimmt also zwei verschiedene Quellen an. Die eine ist die Wahrnehmung, bei der der Verstand leidet und einzelne Ideen in Adjektive aufnimmt. Daneben gibt es eine schöpferische Kraft, die daraus etwas baut. Deshalb ist Hume genauer als Locke. Wenn wir davon ausgehen, dass das Zusammenbauen eine schöpferische Kraft ist, können die daraus entstehenden Ideen nicht real sein. Denn sie bestehen nicht aus Wahrnehmungen.
Denken wir uns einen goldenen Berg. So verbinden wir nur zwei miteinander vereinbare Ideen, Gold und Berg, die uns von früher bekannt sind.
Wir haben festgestellt, dass es Gold und Berge gibt. Wir denken dann, dass es einen goldenen Berg gibt. Dann ist aber nicht mehr gewährleistet, dass es einen goldenen Berg tatsächlich gibt. Wir können nur sagen, dass es Gold und Berge gibt. Wir können daraus aber auch etwas Falsches machen, das dann nicht mehr echt ist.
Assoziationsgesetze

Hume sagt, dass Vorstellungen sich nicht beliebig aneinanderreihen. Er sagt, dass es Gesetze der Assoziation gibt, die für alle Menschen und Völker gelten. Hume hat herausgefunden, dass Vorstellungen nicht willkürlich folgen. Er glaubte, dass es Gesetze der Assoziation gibt, die für alle Menschen und Völker gelten. Er bringt ein Beispiel, zum Beispiel Romane. Wir erwarten eine bestimmte Reihenfolge von Ereignissen. Sonst finden wir einen Roman unlogisch und legen ihn wieder weg. Die Dinge, die da passieren, müssen zusammenhängen. Sonst macht es keinen Sinn.
Das gilt auch für unsere Wahrnehmungen von der Außenwelt. Wir erwarten bestimmte Verbindungen zwischen Ereignissen. Die drei wichtigsten Gesetze dafür sind Ähnlichkeit, Reihenfolge und Ursache-Wirkung. Kausalität ist dabei sehr wichtig. Denn so können wir aus der Natur lernen und das in unser Leben einbauen.
Es gibt offenbar ein Prinzip der Verknüpfung verschiedener Gedanken oder Ideen des Geistes. Und wenn sie im Gedächtnis oder in der Einbildung erscheinen, führt eine die andere in gewissem gerade methodisch und regelmäßig ein. Mir scheint es nur drei Prinzipien der Ideen-Assoziation zu geben, nämlich Ähnlichkeit, Berührung in Raum und Zeit sowie Ursache oder Wirkung.
Kausalität

Wichtig ist hier der Begriff der Kausalität. Hume hat das sehr gut erklärt. Man kann nicht aus Begriffen a priori auf Kausalität schließen. Der Begriff "Wasser" sagt noch nichts darüber aus, ob man dabei erstickt. Man muss ins Wasser springen und feststellen, dass man keine Luft bekommt.
Man kann nicht einfach ableiten, dass bestimmte Wirkungen aus anderen Sachen folgen. Man braucht Erfahrung. Aber man kann nie sicher sein, dass eine Ursache zur Wirkung führt. Wir wissen nur, dass bestimmte Ereignisse auf andere Ereignisse gefolgt sind.
Wir können das aber nicht mit Notwendigkeit aus Begriffen schließen, weil aus den Begriffen im Prinzip nichts folgt. Wir können also nicht von der Ursache auf die Wirkung schließen. Wir haben nur festgestellt, dass es in der Vergangenheit so war. Wir können nicht wissen, dass es so passieren musste. Wir können nicht sicher sagen, ob es so weitergeht.
Wenn wir aus dem Auftreten von Wolken mit Notwendigkeit schließen könnten, dass es immer regnet, wenn Wolken auftauchen, dann könnten wir natürlich auch schließen, wenn das nächste Mal eine Wolke auftaucht, wird es auch regnen. Wir können das aber nicht beweisen. Deshalb ist es nur eine gewisse Wahrscheinlichkeit. Früher hat es immer geregnet, wenn Wolken aufgetreten sind. Also wird es auch in Zukunft regnen.
Diese Kausalität ist aber eigentlich nur eine Art zu denken. Kant sagt, dass wir diese Art zu denken gar nicht vermeiden können. Aber wir haben diese Gewohnheit nicht logisch abgeleitet. Und wir können sie auch nicht logisch aus vergangenen Erfahrungen ableiten. Es ist also nur eine Wahrscheinlichkeit, die sich zu einer Gewohnheit entwickelt hat.
Jedes Mal, wenn Wolken auftreten, nehmen wir einen Schirm mit, weil wir gewöhnt sind zu schließen, dann wird es wahrscheinlich regnen.
Ich wage es, die Behauptung als allgemeingültig und keine Ausnahme duldend aufzustellen, dass die Kenntnis dieser Beziehung in keinem Fall durch Denkakte a priori gewonnen wird, sondern ausschließlich aus der Erfahrung stammt.
Würde man uns irgendeinen Gegenstand zeigen und würden wir aufgefordert, die von ihm ausgehende Wirkung zu nennen, ohne frühere Beobachtungen zur Rate zu ziehen, auf welche Weise, so frage ich, muss der Geist dabei verfahren? Die Wirkung ist nämlich von der Ursache völlig verschieden und kann folglich niemals in ihr entdeckt werden.
Das ist ein wichtiger Schritt. Man kann Wirkung und Ursache nicht logisch aufeinander zurückführen. Das sind aber zwei verschiedene Sachen. Man kann das eine nie aus der anderen schließen. Sonst könnte man, wenn man etwas zum ersten Mal erlebt, gleich wissen, wie es endet. Das geht nicht.
Man schlussfolgert einfach, dass es so war und auch in Zukunft so sein wird.
Mit einem Wort. Jede Wirkung ist ein von ihrer Ursache verschiedenes Ereignis. Sie kann daher nicht in der Ursache entdeckt werden und die erste apriorische Erfindung oder Vorstellung davon muss völlig willkürlich sein.
Klar, man kann viel darüber spekulieren. Das wäre aber willkürlich. Man kann daraus gar nichts für die Folge schließen.
Wenn wir also durch Argumente veranlasst, vergangener Erfahrung Vertrauen schenken und sie zum Maßstab unserer künftigen Urteile machen, so können diese Argumente nur wahrscheinliche sein.
Dieses Prinzip ist das der Gewohnheit oder gewöhnlichen Verhaltensweise. Wo immer die Wiederholung einer bestimmten Handlung oder eines Vorganges die Neigung hervorruft, dieselbe Handlung oder denselben Vorgang zu wiederholen, ohne dazu durch ein Denkakt oder Verstandesvorgang gedrängt zu sein, sagen wir stets, diese Neigung sei die Wirkung der Gewohnheit.
Zusammenhang mit Handlungen
Hume sagt, dass Gewohnheiten und Erwartungen Handlungen beeinflussen. Wenn wir etwas tun wollen, müssen wir davon ausgehen, dass Dinge, die in der Außenwelt passieren, regelmäßig sind. Sonst können wir uns darauf nicht einstellen.
Wir unterscheiden gerne zwischen Ursachen und Wirkungen. Wir handeln wiederholt so, dass es bisher einen bestimmten Effekt hatte. Wir hoffen dann, dass dieser Effekt wieder eintritt. Das ist aber nur eine Gewohnheit.
Wir nehmen jedes Mal, wenn wir Wolken sehen, den Regenschirm mit, weil wir davon ausgehen, dass es dann regnen wird. Das ist eine Gewohnheit: Wir schauen aus dem Fenster und entscheiden dann, ob wir einen Schirm brauchen. Letztes Mal sind wir trotz Regen nicht nass geworden.
Beziehungen zwischen Ideen und Tatsachen

Wir können zwischen verschiedenen Vorstellungen Beziehungen herstellen. Es gibt zwei Arten davon. Wir stellen entweder Beziehungen zwischen unseren Vorstellungen her oder zwischen Tatsachen. Darauf beruht eine völlig unterschiedliche Sicherheit in den Urteilen. In der Geometrie und Arithmetik haben wir es nur mit einer Idee zu tun. Diese ist sicher und beweisbar. Wir müssen nicht 100 Dreiecke gesehen haben, um zu wissen, dass die Winkelsumme 180 Grad ist. Das können wir beweisen.
Bei den Tatsachen ist das anders. Die beschäftigen sich mit der naturwissenschaftlichen Kausalität, die für uns besonders interessant ist, weil sie direkten Einfluss auf unser Verhalten hat. Diese Beziehungen sind aber nicht zwingend. Sie passieren zufällig und können auch wiederholt werden. Aber sie sind nicht unbedingt beweisbar.
Alle Gegenstände menschlicher Vernunft oder Forschung lassen sich naturgemäß in zwei Arten gliedern, nämlich in Beziehungen zwischen Ideen und in Tatsachen. Von der ersten Art sind die Wissenschaften der Geometrie, Algebra und Arithmetik kurz jede Behauptung von entweder intuitiver oder demonstrativer Gewissheit.
Die demonstrative Gewissheit ist also eine beweisbare, eine intuitive wäre nur eine, die jeder sofort einsieht, ohne dass man die beweisen müsste. Und die demonstrative Gewissheit funktioniert eben nur in einem abgeschlossenen mathematischen Kontext, in dem es einfach Regeln gibt, nach dem man das ableiten kann.
Tatsachen der zweite Gegenstand menschlichen Denkens sind nicht auf die gleiche Weise verbürgt. Auch ist unsere Evidenz ihrer Wahrheit, wie groß sie auch immer sei, nicht von der gleichen Art wie die der vorhergehenden. Das Gegenteil jeder Tatsache bleibt immer möglich, da es niemals einen Widerspruch enthalten kann und vom Geist mit der gleichen Leichtigkeit und Deutlichkeit vorgestellt wird, als wenn es der Wirklichkeit noch so sehr entspräche.
Ausschlaggebend ist dieser Satz: "Das Gegenteil jeder Tatsache bleibt immer möglich." Man kann nur mit Sicherheit sagen, dass etwas nicht passieren kann, wenn es unlogisch ist. Bei Tatsachen geht das aber nicht.
Eine Winkelsumme von 360° im Dreieck ist unmöglich. Das wäre eine unlogische Behauptung. Man müsste die Geometrie umändern. Bei Tatsachen kann immer etwas passieren, das wir nicht erwarten. Das ist nicht logisch widersprüchlich.
Dass die Sonne morgen nicht aufgehen wird, ist eine nicht minder verständliche Behauptung und enthält keinen größeren Widerspruch als die Behauptung, dass sie aufgehen wird. Wir würden deshalb vergeblich versuchen, ihre Falschheit zu beweisen. Wäre sie nachweislich falsch, dann würde sie einen Widerspruch enthalten und könnte vom Geist niemals deutlich vorgestellt werden.
Dass die Sonne nicht aufgeht, ist nicht unlogisch. Das könnte einfach nicht passieren. Es würde vielleicht den Naturgesetzen widersprechen, aber die kennen wir ja nur, weil wir sie beobachtet haben. Die Naturgesetze sind nur eine menschliche Annahme. Die Naturgesetze helfen uns hier nicht weiter. Es ist logisch möglich, dass die Sonne nicht aufgeht.
Die folgenden beiden Sätze sind weit davon entfernt, dasselbe zu besagen. "Ich habe festgestellt, dass ein solcher Gegenstand stets von einer solchen Wirkung begleitet wurde." Und: "Ich sehe voraus, dass andere Gegenstände, die dem Aussehen nach gleichartig sind, von gleichartigen Wirkungen begleitet sein werden."
Das haben wir schon festgestellt. Wenn es mal geregnet hat, nur weil Wolken aufgetreten sind, folgt daraus nicht, dass es beim nächsten Mal auch regnen wird. Das kann ich nicht wissen. Ich muss es einfach erleben. Es ist auch das zweite Mal passiert. Wenn ich das hundertmal erlebt habe, schließe ich aus Gewohnheit aus, dass es beim nächsten Mal wieder so sein wird. Aber ich weiß es nicht.
Schlüsse

Jetzt kommt er zu den wichtigen Punkten, also den Schlüssen. Die Schlüsse beruhen auf Tatsachen. Und nicht auf Relation of ideas. In dem Wissen, das für unser Handeln wichtig ist, können wir nicht von Begriffen oder logischen Verhältnissen ausgehen. Das bringt uns nicht weiter. Wir müssen uns auf Erfahrung verlassen. Aber wir können sie nicht sicher vorhersagen.
Und das Ganze beruht ja darauf, dass wir überhaupt zwei Ereignisse vergleichen können. Es hat also geregnet, als Wolken aufgetreten sind. Im zweiten Fall ist wieder eine Wolke beteiligt. Dafür müssen wir erst die Ähnlichkeit festgestellt haben. Hier sind es Wolken. Wir schließen also aus Gewohnheit aus, dass die zweite Wolke die gleiche Wirkung hat.
Das kann falsch sein. Beim zweiten Mal passiert es nicht. Dann müssen wir genauer hinschauen. Ist die Wolke weiß, regnet es nicht. Wenn die Wolke schwarz ist, regnet es. Wir haben uns geirrt. Wir müssen unsere Assoziationen besser differenzieren.
Man kann also nicht sicher sein, dass sich die Zukunft wie die Vergangenheit verhält. Früher ist etwas immer passiert, inzwischen aber nicht mehr. Wir müssen herausfinden, warum es früher immer passierte und warum nicht mehr.
Aber wir können nicht logisch schließen, was in der Zukunft passiert. Denn "etwas ist in der Vergangenheit passiert" und "etwas wird in der Zukunft passieren" haben einfach nichts miteinander zu tun. Man kann nicht logisch schließen, was aus dem einen Satz folgt.
Jeder Schluss beruht auf einer Tatsache. Aber die Tatsachen sind ja immer nur bedingt, also kann man nicht wissen, dass eine ähnliche Tatsache auch eine ähnliche Wirkung haben wird.
In Wirklichkeit stützen sich alle Argumente aus der Erfahrung auf die Ähnlichkeit, die wir zwischen Naturobjekten feststellen und durch die wir verleitet werden, Wirkungen ähnlich denen zu erwarten. Denn alle Folgerungen aus der Erfahrung setzen als ihre Grundlage voraus, dass die Zukunft der Vergangenheit ähnlich ist und dass ähnliche Kräfte mit ähnlichen Sinnesqualitäten zusammen auftreten werden.
Das haben wir gerade besprochen. Wir denken oft, dass ähnliche Ereignisse ähnliche Wirkungen haben. Aber das ist eigentlich nicht logisch. Hume erklärt das an einem Beispiel.

Früher hat mich ein Brot ernährt. Das ist eine Erfahrung, die ich gemacht habe. Daraus folgt aber nicht, dass das Brot mich auch in Zukunft ernähren wird. Dieser Satz und dieser Satz sind einfach keine logischen Ableitungen. Die Sätze sind logisch, aber nicht voneinander abhängig. Das kann ich nicht aus dem bloßen Satz heraus folgern. Aber ich muss mir trotzdem überlegen, wie ich überleben kann. Wie ernähre ich mich? Ich schließe aus der Vergangenheit: Brot hat nicht funktioniert. Ich versuche es nochmal. Ich bin aber eigentlich nicht dazu berechtigt.
Wird uns ein Körper von gleicher Farbe und Konsistenz wie das Brot, das wir früher gegessen haben, vorgelegt, so haben wir keine Bedenken, dieses Experiment zu wiederholen und erwarten mit Gewissheit gleiche Ernährung und Stärkung. Das Brot, das ich früher aß, ernährte mich. Ein Körper mit solchen Sinnesqualitäten war zu jener Zeit mit solchen geheimen Kräften ausgestattet. Folgt daraus aber, dass mich anderes Brot zu anderer Zeit ebenfalls nähren muss? Und dass gleiche Sinnesqualitäten immer von gleichen geheimen Kräften begleitet sein müssen?
Geheime Kräfte sind ein Mysterium. Wenn ich wüsste, warum das Brot mich ernährt, wenn ich jetzt so eine schöne Theorie über Kohlenhydrate habe und deren Verbrennung in den Muskeln, dann sind diese Kräfte ja nicht mehr geheim. Dann weiß ich ja, wie es funktioniert.
Ich habe diese Regel aber auch nur aus eigener Erfahrung. Ich weiß nicht, warum das passiert. Ich habe schon erlebt, dass es passiert. Und ich habe diese Erfahrung vielleicht schon mehrmals gemacht.
Kritik
Hume hat den Empirismus, dem er angehörte, weiterentwickelt und gezeigt, wie unser Verstand kreativ ist. Er hat gezeigt, dass wir eigentlich nie sicher wissen, ob etwas der Grund für etwas anderes ist.
Hume sagt, dass alles, was wir wissen, von unseren Sinnen kommt. Aber er hatte auch die Idee, dass es neben der Wahrnehmung noch etwas anderes gibt, das unseren Verstand antreibt. Dadurch können unsere Vorstellungen nicht mehr zu 100 % mit der Außenwelt übereinstimmen.
Diese kreative Kraft zeigt, wie wir denken, aber nicht, wie wir etwas wahrnehmen. Kant sagt dazu, dass das Prinzip unseres Denkens transzendental ist. Wir erwarten bestimmte Wirkungen, weil Menschen in gewohnte Muster denken. Hume hat das sehr gut erklärt. Er hat gezeigt, dass alles, was wir als Naturwissenschaft bezeichnen, auf diesen Gewohnheiten des Denkens beruht. Letzten Endes sind das nur Wahrscheinlichkeitsschlüsse.
Er hat klar gesagt, dass man aus den Begriffen nicht auf das Kausalitätsverhältnis schließen kann. Man kann aus Begriffsdefinitionen und -differenzierungen nichts gewinnen. Das ist klar. Die platonische Dialektik klärt nur, was wir unter Begriffen von Gegenständen verstehen. Aber sie erklärt nicht, wie diese Gegenstände zueinander stehen oder warum sie so sind, wie sie sind.
Wir brauchen also zwei Quellen der Erkenntnis. Die sinnliche Wahrnehmung und Begriffe. Aber wir können daraus keine Schlüsse auf die Beziehung zwischen den Dingen ziehen. Wir sind also auf wiederholte Wahrnehmung angewiesen. Aber Wahrnehmung hat nichts mit Begriffen zu tun. Deshalb können wir daraus keine sicheren Erkenntnisse gewinnen. Wir können nur Wahrscheinlichkeiten schlussfolgern.
Hume hat auch gezeigt, dass man aus dem, was man erkennt, auch handeln kann. Wenn wir in der Welt sinnvoll handeln wollen, müssen wir davon ausgehen, dass ähnliche Ursachen ähnliche Wirkungen haben wie beim letzten Mal. Sonst können wir keine Strategie entwickeln.
Die Kausalität ist für uns Menschen wichtig. Aber die Welt entspricht nicht wirklich dieser Kausalität. Wir können nicht sicher wissen, was wirklich wahr ist.
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