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Hans Jonas, Verantwortungsethik I




I Eine neue Ethik


Ausgangspunkt: Veränderte Ausgangslage





Ausgangspunkt für die Ethik von Jonas ist die veränderte Rolle der Technik im Leben der Menschen. Vor allem hat sich die Reichweite verändert. Technik kann inzwischen wesentlich mehr als alle Technik in der Vergangenheit.


Ursprünglich diente die Technik der Beherrschung der Natur. Sie diente also zum Vorteil des Menschen, der ursprünglich der Natur ausgeliefert war. Inzwischen ist das Verhältnis aber umgekehrt: Die Technik beginnt die Menschen zu beherrschen und die Lebenswelt der Menschen negativ zu beeinflussen.


Weil die Technik einen so großen Einfluss auf die Lebenswelt der Menschen hat, ist sie auch zur entscheidenden Herausforderung der Ethik geworden. Ethik kann sich nicht mehr auf die alltäglichen Handlungen von einzelnen Menschen untereinander konzentrieren, sondern muss technische Einflüsse auf die gesamte Menschheit mit einbeziehen.


Deshalb braucht die Menschheit eine neue Technik-Ethik. Denn die bisherige Ethik ist nicht auf die technischen Entwicklungen eingestellt.


Der endgültig entfesselte Prometheus, dem die Wissenschaft nie gekannte Kräfte und die Wirtschaft den rastlosen Antrieb gibt, ruft nach einer Ethik, die durch freiwillige Zügel seine Macht davor zurückhält, dem Menschen zum Unheil zu werden.

Daß die Verheißung der modernen Technik in Drohung umgeschlagen ist, oder diese sich mit jener unlösbar verbunden hat, bildet die Ausgangsthese des Buches.

Die dem Menschenglück zugedachte Unterwerfung der Natur hat im Übermaß ihres Erfolges, der sich nun auch auf die Natur des Menschen selbst erstreckt, zur größten Herausforderung geführt, die jedem menschlichen Sein aus eigenem Tun erwachsen ist.

Keine überlieferte Ethik belehrt uns daher über die Normen von »Gut« und »Böse«, denen die ganz neuen Modalitäten der Macht und ihrer möglichen Schöpfungen zu unterstellen sind.



Die bisherige Ethik hat an dem Verhalten einzelner Menschen zu anderen Menschen angesetzt. Jetzt ist aber die gesamte Menschheit selbst in Gefahr. Also muss diese Gefahr auch zum Ausgangspunkt der Ethik gemacht werden.. Also ist die Ausgangsfrage nicht: Wie soll ich mich meinem Mitmenschen gegenüber verhalten?, sondern: Warum soll es eine Menschheit geben?

Innerhalb der Ökoethik macht Jonas damit zunächst einen anthropozentrischen Ansatz. Später wird er zu einem geozentrischen Ansatz übergehen.





Anthropozentrische, geozentrische und physiozentrische Ansätze in der Ökoethik


Die Ökoethik beschäftigt sich mit der moralischen Bewertung des menschlichen Umgangs mit der Umwelt. Dabei lassen sich drei grundlegende Ansätze unterscheiden: der anthropozentrische, der geozentrische und der physiozentrische Ansatz. Diese unterscheiden sich in der Frage, welchem Wesen oder System moralischer Wert beigemessen wird.


1. Anthropozentrischer Ansatz

Der anthropozentrische Ansatz betrachtet den Menschen als Mittelpunkt der moralischen Überlegungen. Die Natur und ihre Ressourcen haben vorr allem insofern einen Wert, als sie dem Menschen nutzen. In diesem Verständnis wird Umwelt- und Naturschutz oft mit der Sicherung der menschlichen Lebensgrundlagen begründet. Kritiker sehen darin eine Instrumentalisierung der Natur und eine mögliche Rechtfertigung für Umweltzerstörung, sofern sie dem menschlichen Wohl dient.


Geozentrischer Ansatz: Der geozentrische Ansatz rückt die Erde als Ganzes in den Mittelpunkt ethischer Betrachtungen. Hierbei wird nicht nur der Mensch, sondern das gesamte Ökosystem als schützenswert angesehen. Der Wert der Natur ergibt sich aus ihrer Funktionstüchtigkeit als Ganzes. Dieser Ansatz betont das Gleichgewicht der Natur und fordert nachhaltiges Handeln, um das Fortbestehen des gesamten Planeten zu sichern.


Physiozentrischer Ansatz: Der physiozentrische Ansatz geht noch weiter als der geozentrische und erkennt der Natur, unabhängig vom Nutzen für den Menschen oder das Gesamtökosystem, einen intrinsischen Wert zu. Es gibt verschiedene Unterkategorien dieses Ansatzes, darunter der pathozentrische (Schutz empfindungsfähiger Lebewesen), der biozentrische (Schutz aller Lebewesen) und der holistische Ansatz (Schutz der gesamten Natur, einschließlich unbelebter Elemente wie Wasser oder Gestein). Dieser Ansatz fordert eine ethische Verantwortung des Menschen gegenüber der gesamten Natur.



Was kann als Kompaß dienen? Die vorausgedachte Gefahr selber! In ihrem Wetterleuchten aus der Zukunft, im Vorschein ihres planetarischen Umfanges und ihres humanen Tiefganges, werden allererst die ethischen Prinzipien entdeckbar, aus denen sich die neuen Pflichten neuer Macht herleiten lassen. Dies nenne ich die »Heuristik der Furcht«: Erst die vorausgesehene Verzerrung des Menschen verhilft uns zu dem davor zu bewahrenden Begriff des Menschen.

Die Begründung einer solchen Ethik, die nicht mehr an den unmittelbar mitmenschlichen Bereich der Gleichzeitigen gebunden bleibt, muß in die Metaphysik reichen, aus der allein sich die Frage stellen läßt, warum überhaupt Menschen in der Welt sein sollen: warum also der unbedingte Imperativ gilt, ihre Existenz für die Zukunft zu sichern.




Zu seiner Zeit ist Jonas mit seinem ethischen Ansatz ziemlich allein. Die zeitgenössischen Strömungen sind zum einen der Positivismus. Diese Richtung entsteht in den 1920er Jahren und schließt aus der Wissenschaft alle Sätze aus, die sich nicht mit einfachen Beobachtungen prüfen lassen. Für Jonas scheidet dieser Ansatz aus, weil sich die Zukunft nicht mit Beobachtungen überprüfen lässt (s. die Ausführungen zu Hume). Außerdem lassen sich die ökologischen Folgen der Technik immer nur ungefähr feststellen.

Damit verwandt war der analytische Ansatz in der Philosophie. Er geht auf Carnap zurück, der mit Hilfe von Sprachanalysen feststellen wollte, welche Aussagen wissenschaftlich vertretbar sind.

Innerhalb der Ethik will Jonas weg von der Individualethik, die sich nur auf die Handlungen einzelner Menschen konzentriert. Stattdessen will er die Handlungen der gesamten Menschheit in den Blick nehmen.


Eine solche Grundlegung wird hier versucht, entgegen dem positivistisch-analytischen Verzicht der zeitgenössischen Philosophie.

Statt des müßigen Erratens später Folgen im unbekannten Schicksal konzentrierte sich die Ethik auf die sittliche Qualität des augenblicklichen Aktes selber, in dem das Recht des mitlebenden Nächsten zu achten ist.

Im Zeichen der Technologie aber hat es die Ethik mit Handlungen zu tun (wiewohl nicht mehr des Einzelsubjekts), die eine beispiellose kausale Reichweite in die Zukunft haben, begleitet von einem Vorwissen, das ebenfalls, wie immer unvollständig, über alles ehemalige weit hinausgeht. Dazu die schiere Größenordnung der Fernwirkungen und oft auch ihre Unumkehrbarkeit. All dies rückt Verantwortung ins Zentrum der Ethik, und zwar mit Zeit- und Raumhorizonten, die denen der Taten entsprechen.

Jonas will sich also auf der einen Seite gegen die Individualethik von Kant abgrenzen. Außerdem will er die nachfolgenden Generationen in den Blick nehmen.





Der Utilitarismus hatte dagegen nur die gegenwärtige Generation und ihre Interessen in den Blick genommen.








Ernst Bloch hatte sich darauf konzentriert, dass es Hoffnung auf die Zukunft geben sollte. Jonas stellt diesem Prinzip Hoffnung das Prinzip Verantwortung gegenüber, das eher von der Furcht vor der Zukunft ausgeht und nicht von der Hoffnung.





Die Ethik Immanuel Kants basiert auf dem kategorischen Imperativ, der fordert, dass moralische Handlungen universalisierbar sein müssen. Demnach soll man nur nach Maximen handeln, die als allgemeines Gesetz gelten könnten. Kant betont die Autonomie und Würde des Menschen sowie die Pflichtethik, bei der moralisches Handeln nicht aus Folgen, sondern aus der inneren Pflicht heraus begründet wird. Sein Ansatz stellt die Vernunft und die Prinzipien universeller Gerechtigkeit in den Mittelpunkt der Moral.

Der Utilitarismus ist eine konsequentialistische Ethik, die das größtmögliche Glück für die größtmögliche Zahl anstrebt. Handlungen sind moralisch richtig, wenn sie positive Folgen maximieren und Leid minimieren. Wichtige Vertreter sind Jeremy Bentham und John Stuart Mill. Bentham betonte die Quantität des Glücks, während Mill auch die Qualität der Freude berücksichtigte. Der Utilitarismus bewertet Moral anhand der Folgen und nicht anhand fester Prinzipien.

Ernst Blochs Prinzip Hoffnung (1954-1959) ist eine philosophische Untersuchung der menschlichen Hoffnung als treibende Kraft gesellschaftlichen Fortschritts. Bloch sieht in der Utopie und dem „Noch-Nicht-Sein“ das Potenzial zur Verwirklichung einer besseren Zukunft. Sein Denken verbindet Marxismus mit einer offenen Zukunftsperspektive, in der Menschen aktiv an der Gestaltung einer gerechteren Welt mitwirken.



Demgemäß bildet die bis heute fehlende Theorie der Verantwortung die Mitte des Werkes.


Bisherige Ethik




Jonas beschreibt Voraussetzungen, von denen die bisherige Ethik ausgehen konnte: Es war klar, was die menschliche Natur ist und worin sein Wesen besteht. Daraus ließ sich bislang auch ableiten, was für einen Menschen mit dieser Natur gut sein kann. Man konnte also moralische Regeln aus der Anthropologie ableiten. Außerdem war früher klar, wofür Menschen verantwortlich sein können, weil der Machtbereich von Menschen ziemlich beschränkt war.

Das hat sich nach Jonas inzwischen geändert, weil Menschen jetzt mit ihren Handlungen sehr weitreichende Folgen produzieren können, die ganze Generationen oder sogar alle Menschheit überhaupt betreffen können. Auf diese Weise kommen ganz neue Dimensionen von Verantwortung in den Blick. Außerdem steht die Natur des Menschen  nicht mehr fest, weil wir sie durch Technik verändern können. Allein schon durch die Möglichkeiten der Technik verändert sich das Wesen der Menschen, weil es jetzt wesentlich dadurch geprägt wird, was er herstellen kann. Dadurch kommen aber auch ganz neue Fragen für die Ethik auf, weil man jetzt fragen muss, welche der Produkte des Menschen für ihn überhaupt gut sein können.


Alle bisherige Ethik – ob als direkte Anweisung, gewisse Dinge zu tun und andere nicht zu tun, oder als Bestimmung von Prinzipien für solche Anweisungen, oder als Aufweisung eines Grundes der Verpflichtung, solchen Prinzipien zu gehorchen – teilte stillschweigend die folgenden, unter sich verbundenen Voraussetzungen:

(1) Der menschliche Zustand, gegeben durch die Natur des Menschen und die Natur der Dinge, steht in den Grundzügen ein für allemal fest. (2) Das menschlich Gute läßt sich auf dieser Grundlage unschwer und einsichtig bestimmen. (3) Die Reichweite menschlichen Handelns und daher menschlicher Verantwortung ist eng umschrieben.

Es ist die Absicht der folgenden Ausführungen, zu zeigen, daß diese Voraussetzungen nicht mehr gelten, und darüber zu reflektieren, was dies für unsere moralische Lage bedeutet.


Bislang bezog sich die Ethik immer auf Handlungen gegenüber anderen Menschen. Andere Objekte in der Natur wie Tiere und Pflanzen spielten dabei keine Rolle. Also war alle Ethik auf das Verhältnis der Menschen untereinander bezogen, also anthropozentrisch. Auch eine Ökoethik kann anthropozentrisch sein und Naturschutz nur unter dem Blickwinkel betrachten, welche Folgen Umweltzerstörung für andere Menschen und spätere Generationen spielen. Jonas möchte diese Engführung aber überwinden.


Wirkung auf nichtmenschliche Objekte bildete keinen Bereich ethischer Bedeutsamkeit.

Ethische Bedeutung gehörte zum direkten Umgang von Mensch mit Mensch, einschließlich des Umgangs mit sich selbst; alle traditionelle Ethik ist anthropozentrisch.



Auch die Reichweite menschlichen Handelns hat sich nach Jonas entscheidend verändert: Bislang waren die Folgen des menschlichen Handelns zeitlich sehr nah an der Handlung. Inzwischen können Handlungen aber Folgen für Menschen in der weiten Zukunft haben. Deshalb muss man jetzt sehr weit in die Zukunft planen. Und Kant hat es noch als wesentlichen Vorteil seines kategorischen Imperativs benannt, dass man keinerlei Faktenwissen braucht, um richtig zu handeln. Jetzt ist es aber notwendig, viel naturwissenschaftliches Wissen zu haben, um die Folgen von menschlichen Handlungen abschätzen zu können.


Das Wohl oder Übel, worum das Handeln sich zu kümmern hatte, lag nahe bei der Handlung, entweder in der Praxis selbst oder in ihrer unmittelbaren Reichweite und war keine Sache entfernter Planung.

Es ist nicht die Kenntnis des Wissenschaftlers oder Fachmanns, sondern Wissen einer Art, die allen Menschen guten Willens offensteht.



Für die neue Ethik müssten wir ein umfangreiches Wissen haben, um abschätzen zu können, welche Folgen unser Handeln haben kann. Dieses Wissen zu haben, wird also selbst eine ethische Pflicht. Tatsächlich wissen wir aber viel zu wenig. Denn die Reichweite unseres Handelns ist viel größer als unser Wissen  reicht. Das wird später auch noch eine wichtige Rolle spielen bei der Rolle des Gefühls, vor allem der Furcht.


Unter solchen Umständen wird Wissen zu einer vordringlichen Pflicht über alles hinaus, was je vorher für seine Rolle in Anspruch genommen wurde, und das Wissen muß dem kausalen Ausmaß unseres Handelns größengleich sein.

Die Kluft zwischen Kraft des Vorherwissens und Macht des Tuns erzeugt ein neues ethisches Problem.



Geozentrische Ethik




Jonas fragt jetzt danach, ob die Natur nur ein Instrument für die Menschen ist. Dann hätte Naturschutz nur den Sinn, einen Lebensraum für die Menschen zu erhalten. Die Natur selbst hätte dann eigenes Recht. Wenn aber die Menschen die Natur nachhaltig verändern können, sind sie auch verantwortlich gegenüber dem, was sie verändern. Also hat die Natur ein Eigenrecht, weil Menschen ihr gegenüber eine Treuepflicht haben. Dadurch verändert sich dann auch die Zwecklehre in der Ethik. Kant hatte noch gesagt, dass nur der Mensch ein Zweck an sich sein kann, weil nur der Mensch ethisch handeln kann. Daraus hatte Kant die Menschheitszweckformel entwickeln, nach der der Mensch an sich eine Würde hat. Jonas erwägt jetzt, dass auch die Natur ein Zweck an sich sein kann, weil nicht nur Menschen, sondern auch die Natur Opfer des Menschen ist.



Die Menschheitszweckformel ist eine Variante des kategorischen Imperativs von Immanuel Kant. Sie besagt: „Handle so, dass du die Menschheit sowohl in deiner Person., als in der Person eines jeden anderen jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchst.“ Damit fordert Kant, dass jeder Mensch aufgrund seiner Würde immer als Selbstzweck respektiert und nicht nur für fremde Zwecke instrumentalisiert wird.


Es ist zumindest nicht mehr sinnlos, zu fragen, ob der Zustand der außermenschlichen Natur, die Biosphäre als Ganzes und in ihren Teilen, die jetzt unserer Macht unterworfen ist, eben damit ein menschliches Treugut geworden ist und so etwas wie einen moralischen Anspruch an uns hat – nicht nur um unsretwillen, sondern auch um ihrer selbst willen und aus eigenem Recht.

Es würde bedeuten, nicht nur das menschliche Gut, sondern auch das Gut außermenschlicher Dinge zu suchen, das heißt die Anerkennung von »Zwecken an sich selbst« über die Sphäre des Menschen hinaus auszudehnen und die Sorge dafür in den Begriff des menschlichen Guts einzubeziehen.


Anthropologische Veränderungen




Jonas geht davon aus, dass Technik ursprünglich dazu diente, vom Menschen gesetzte Zwecke umzusetzen. Inzwischen ist die Technik aber selbst zu einem Teil des menschlichen Wesens geworden. Die Technik definiert, was Menschen wollen und tun. Technik wird also zu einem Selbstzweck. Sie muss ständig ausgeweitet und verbessert werden, weil der Mensch darin seinen Sinn erlebt. Dadurch geht der rein instrumentelle Charakter, den Technik einmal hatte, verloren. Gleichzeitig verdeckt die Ausweitung der Technik das, was ursprünglich als Wesen des Menschen bezeichnet wurde. Die Fortschrittsidee verändert also nicht nur die Produkte des Menschen, sondern sein Wesen selbst.


Heute, in der Form der modernen Technik, hat sich techne in einen unendlichen Vorwärtsdrang der Gattung verwandelt, in ihr bedeutsamstes Unternehmen, in dessen fortwährend sich selbst überbietendem Fortschreiten zu immer größeren Dingen man den Beruf des Menschen zu sehen versucht ist, und dessen Erfolg maximaler Herrschaft über die Dinge und über den Menschen selbst als die Erfüllung seiner Bestimmung erscheint.

Mit anderen Worten, auch abgesehen von ihren objektiven Werken nimmt die Technologie ethische Bedeutung an durch den zentralen Platz, den sie jetzt im subjektiven menschlichen Zweckleben einnimmt.

Ihre kumulative Schöpfung, nämlich die sich ausdehnende künstliche Umwelt, verstärkt in stetiger Rückwirkung die besonderen Kräfte, welche sie hervorgebracht haben: das schon Geschaffene erzwingt deren immer neuen erfinderischen Einsatz in seiner Erhaltung und weiteren Entwicklung und belohnt sie mit vermehrtem Erfolg – der wieder zu dem gebieterischen Anspruch beiträgt.


Jonas sieht auch verschiedene Bereiche, in denen der Mensch unmittelbar durch Technik verändert wird:

1.) Das ist zum Beispiel durch die Fortschritte in der Biologie ein Problem, weil grundsätzlich das menschliche Leben verlängert werden kann, vielleicht kann sogar der Tod abgeschafft werden. Dann stellt sich aber die Frage, ob das überhaupt wünschbar ist. Man muss z.B. regeln, wer denn dann wie lange leben soll. Wer hat Zugang zu lebensverlängernden Maßnahmen? Wer kann sich die Maßnahmen leisten? Wenn die Menschen länger leben, können sie nicht weiter im bisherigen Maß Kinder haben. Wäre es wünschenswert eine ständig alternde Gesellschaft zu haben?




2.) Das zweite Problem ist die Verhaltenskontrolle. Man könnte damit geisteskranken Menschen helfen. Aber man kann auch die Gesellschaft von unerwünschten Personen befreien. Ist das wünschbar? Man könnte auch z.B. die Leistung von Schulkindern künstlich regeln oder künstlich Glück wie mit Drogen erzeugen.



3.) Noch größer werden die Möglichkeiten durch genetische Manipulation. Wir können dann Menschen genetisch optimieren. Wer definiert dafür die Kriterien? Wer hat Zugang dazu? Dürfen wir mit Menschen experimentieren? Dürfen wir uns die Rolle eines Schöpfers aneignen?



Wenn also Technik einen so großen Einfluss auf das Wesen des Menschen hat, dann muss sich auch die Ethik auf diesen Aspekt des menschlichen Lebens beziehen.







Der Mensch muss gegen sein eigenes technisches Selbstverständnis geschützt werden.






In einem ersten Schritt kommt es deshalb darauf an, sicherzustellen, dass es überhaupt in der Zukunft noch Menschen gibt. In einem zweiten Schritt muss dann bestimmt werden, was das Wesen des Menschen ist und wie man dieses Wesen gegen ein falsches technisches Selbstverständnis sichern kann.




Auseinandersetzung mit Kant



Die Herleitung des kategorischen Imperativs bei Kant basiert auf seiner Moralphilosophie, insbesondere in der Grundlegung zur Metaphysik der Sitten (1785). Kant geht von der Idee aus, dass moralisches Handeln nicht von äußeren Bedingungen oder persönlichen Neigungen abhängen darf, sondern auf einer objektiven Gesetzmäßigkeit beruhen muss.

1. Der gute Wille als Ausgangspunkt

Kant beginnt mit der Feststellung, dass allein der gute Wille unbedingt gut ist -nicht Intelligenz, Glück oder andere Eigenschaften. Der gute Wille handelt aus Pflicht, also aus Achtung vor dem moralischen Gesetz.

2. Moralische Gesetze als allgemeingültige Prinzipien

Moralische Pflichten dürfen nicht von subjektiven Interessen oder Konsequenzen abhängig sein. Daher müssen sie allgemein gültig sein, d. h., sie müssen für alle vernünftigen Wesen in gleicherweise gelten.

3. Der kategorische Imperativ als Grundprinzip der Moral

Da moralische Gesetze nicht hypothetisch (z. B. „Wenn du glücklich sein willst, dann handle so...“) sein können, sondern unbedingt gelten müssen, formuliert Kant den kategorischen Imperativ:


Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde

Das bedeutet: Jede Handlung soll so geprüft werden, ob sie als allgemeines Gesetz für alle Menschen denkbar wäre, ohne in Widersprüche oder moralische Unhaltbarkeit zu geraten.

4. Anwendung und Formulierungen

Kant gibt verschiedene Formulierungen des

Imperativs, z. B.:

•Universalisierbarkeit: Eine Handlung ist moralisch richtig, wenn die dahinterstehende Maxime als allgemeines Gesetz gelten kann.

•Zweck-an-sich-Formel: Menschen dürfen niemals nur als Mittel zum Zweck benutzt werden, sondern müssen immer als Zweck an sich behandelt werden.





Kants kategorischer Imperativ bezieht sich darauf, dass die Vernunft in Übereinstimmung mit sich selbst agiert. Dazu müssen die Handlungen auf feste Prinzipien gegründet werden, die immer gleich sind. Nur so ist sichergestellt, dass keine zufälligen Neigungen die Moral ständig verändern.


Der kategorische Imperativ stellt außerdem sicher, dass die moralischen Prinzipien des Einzelnen mit denen der anderen (vernünftigen) Menschen zusammenstimmen. Denn eine Regel ist ja nur dann moralisch, wenn sie sich universalisieren lässt, wenn man also wollen kann, dass alle anderen Menschen nach denselben Prinzipien handeln. Für Kant qualifiziert man sich auf diese Weise für eine Mitgliedschaft im Reich der Zwecke. Darin sind nur solche Menschen, die nach allgemeingültigen Prinzipien handeln.


Was Kant aber ohne weiteres voraussetzt, ist, dass es überhaupt Menschen gibt. Zwar sind Menschen auch für Kant Zwecke an sich selbst, so dass ihr Erhalt eigentlich gefordert werden muss.






Aber Kant hat nicht berücksichtigt, dass die Menschheit auch aussterben könnte.








Kants kategorischer Imperativ sagte: »Handle so, daß du auch wollen kannst, daß deine Maxime allgemeines Gesetz werde.« Das hier angerufene »kann« ist das der Vernunft und ihrer Einstimmung mit sich selbst: Die Existenz einer Gesellschaft menschlicher Akteure (handelnder Vernunftwesen) vorausgesetzt, muß die Handlung so sein, daß sie sich ohne Selbstwiderspruch als allgemeine Übung dieser Gemeinschaft vorstellen läßt.

Ein Imperativ, der auf den neuen Typ menschlichen Handelns paßt und an den neuen Typ von Handlungssubjekt gerichtet ist, würde etwa so lauten: »Handle so, daß die Wirkungen deiner Handlung verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden«

Jonas möchte nun den Fortbestand einer Menschheit ausdrücklich zum Gebot der Moral machen, indem er den kategorischen Imperativ entsprechend abändert. Danach müssen Handlungen so geartet sein, dass sie übereinstimmen mit der Fortexistenz der Menschheit. Die Schwierigkeit liegt in der Formulierung „verträglich mit der Permanenz echten menschlichen Lebens“. Denn es ist hier noch nicht klar, worin diese Echtheit besteht. Im Kontext der kantischen Ethik müsste dies bedeuten, dass Menschen als moralische Subjekte erhalten werden müssen. Sie müssen also nicht einfach nur überleben, sondern in einer bestimmten, moralischen, Weise leben können. Das könnte aber ganz andere Imperative nötig machen als die von Jonas geforderten. Denn dann wäre z.B. Freiheit eine notwendige Bedingung für echtes menschliches Leben. Denn Freiheit ist nach Kant Voraussetzung für moralisches Handeln. Menschen als bloß animalische Wesen wäre dagegen in der kantischen Ethik irrelevant. Der ökologische Imperativ von Jonas greift hier also möglicherweise zu kurz, auch wenn Jonas den Pflichtbegriff später noch einführt.



Jonas kritisiert an Kant, dass seine Ethik nur eine Individualethik ist, also nur Regeln für das Handeln von Einzelnen betrifft. Außerdem beziehen sich Kants Regeln nur auf die Zeit, in der der Einzelne handelt, nicht auf Folgen in einer viel späteren Zeit.



Außerdem möchte Kant, dass die Prinzipien des Einzelnen verallgemeinert werden können. Er rechnet allerdings nicht damit, dass diese Regeln auch wirklich Regeln einer Gemeinschaft werden.


Genau das muss eine moderne Ethik aber leisten. Sie muss Regeln entwickeln, die politisch und nicht individuell umgesetzt werden können. Außerdem müssen sie Folgen berücksichtigen, die sich erst in einer fernen Zukunft zeigen werden.


Die Kritik von Jonas ist nicht wirklich berechtigt. In der Grundlegung zur Metaphysik der Sitten konzentriert Kant sich tatsächlich auf rein individuelle Regeln, weil er zunächst allgemeine Prinzipien entwickeln will. In der Metaphysik werden darauf aber durchaus Zwecke abgeleitet, die zugleich Pflicht sind. Außerdem werden in den metaphysischen Anfangsgründen der Rechtslehre auch politische Regeln entwickelt. Die entscheidende Differenzierung bei Kant ist allerdings, dass politische Regeln eben nicht aus der Moral, sondern nur aus dem Recht abgeleitet werden können. Das Recht kann aber den Bürgern keine Verhaltensregeln auferlegen, sondern nur die rechtlichen Rahmenbedingungen herstellen, dass die Bürger sich selbst entscheiden können, was sie für moralisch halten. Diese entscheidende Differenzierung unterläuft Jonas aber.


Kants kategorischer Imperativ war an das Individuum gerichtet und sein Kriterium war augenblicklich. Er forderte jeden von uns auf, zu erwägen, was geschehen würde, wenn die Maxime meiner jetzigen Handlung zum Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gemacht würde oder es in diesem Augenblick schon wäre: die Selbsteinstimmigkeit oder Nichteinstimmigkeit einer solchen hypothetischen Verallgemeinerung wird zur Probe meiner privaten Wahl gemacht.

Aber es war kein Teil dieser Vernunftüberlegung, es bestehe irgendeine Wahrscheinlichkeit dafür, daß meine private Wahl tatsächlich allgemeines Gesetz werde oder zu einem solchen Allgemeinwerden auch nur beitrage.

Der neue Imperativ ruft eine andere Einstimmigkeit an: nicht die des Aktes mit sich selbst, sondern die seiner schließlichen Wirkungen mit dem Fortbestand menschlicher Aktivität in der Zukunft.

 
 
 
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