Wissenschaftstheorie und Verifikationismus bei Rudolf Carnap
- Stephan Sturm
- 15. Feb. 2025
- 14 Min. Lesezeit

Wir beschäftigen uns hier mit der Wissenschaftstheorie von Rudolf Carnap. Carnap wollte die Metaphysik überwinden. Er dachte, dass sie unwissenschaftlich ist. Er wollte das mit einer Analyse der Sprache machen.

Wiener Kreis
Das Ganze findet im Wiener Kreis statt. Das war eine Gruppe, die sich in den 1920er und 1930er Jahren in Wien formierte. Deshalb heißt die Gruppe "Wiener Kreis". Dazu gehören die großen Wissenschaftstheoretiker. Sie wollen einen logischen Empirismus entwickeln. Empirismus ist die Wissenschaft, die sich auf Erfahrungen stützt. Im Gegensatz dazu ist die Metaphysik die Wissenschaft, die nur spekuliert. Aber das soll logisch geschehen.

Es muss eine Logik geben, mit der man sichere Erkenntnisse gewinnen kann. Logik und empirische Wissenschaft sollen verbunden werden, um Erkenntnisse zu gewinnen. Der Hauptgegner ist die spekulative Metaphysik. Sie behauptet, man könne mit Begriffsanalysen irgendetwas herausfinden. Um diese Metaphysik zu widerlegen, muss man sich auf sinnvolle Aussagen beziehen, die man überprüfen kann.

Carnap versucht jetzt, festzulegen, was eine sinnvolle Aussage ist. Dafür entwickelt er den Verifikationismus. Es geht darum, wissenschaftliche Theorien zu überprüfen. Das geht mit einfachen Beobachtungssätzen, also mit Ergebnissen, die man durch Experimente gewonnen hat. Wenn man oft genug experimentiert, kann man durch Induktion zu 100 % sicheren wissenschaftlichen Ergebnissen kommen. Diese Ergebnisse sind dann bewiesen.
Man muss alles ausschließen, was man nicht beweisen kann. Ausschlaggebend ist, ob sich Aussagen überprüfen lassen. Nur so kann man feststellen, ob sie überhaupt irgendeine Bedeutung haben. Metaphysische und theologische Aussagen sind zum Beispiel sinnlos. Dazu gehört auch eine Kritik an traditionellen philosophischen Ansätzen. Vor allem an solchen, bei denen nur spekuliert wird. Ein Beispiel ist Hegels Dialektik. Ein weiterer ist Heidegger, der zu dieser Zeit gerade Ontologien entwickelt hat.
Es geht also darum, eine rationale Haltung zu entwickeln, die auf Empirismus und Materialismus basiert. Das heißt, sie stützt sich auf Dinge, die man objektiv überprüfen kann.
Induktion

Die Induktion und Verifikation sind also: Man hat einzelne Protokollsätze. Das sind Beschreibungen von einzelnen Beobachtungen. Wenn man genug davon hat, kann man daraus einen allgemeinen Satz machen. Dieser Satz ist dann verifiziert, weil man genug Experimente gemacht hat, um zu ihm zu kommen.
Alle Sätze, die nicht auf Erfahrung beruhen, sind sinnlos. Wissenschaftliche Sätze sind nur solche Sätze, die man überprüfen kann. Wenn man sagt, dass ein Satz irgendeine wissenschaftliche Bedeutung hat, muss man auch sagen können, wie er bewiesen werden soll.
Man beobachtet etwas. Daraus macht man dann einen allgemeinen Satz. Dieser Satz ist dann eine Theorie. Wenn man diese Theorie überprüft, ist sie wahr.
Durch die Entwicklung der modernen Logik ist es möglich geworden, auf die Frage nach Gültigkeit und Berechtigung der Metaphysik eine neue und schärfere Antwort zu geben.
Sprachanalyse
Er will jetzt eine scharfe Antwort geben. Er will sich gegen die Metaphysik richten. Die Untersuchungen der angewandten Logik sollen sich darauf konzentrieren.
Die Untersuchungen der angewandten Logik oder Die Untersuchungen der angewandten Logik oder Erkenntnistheorie, die sich die Aufgabe stellen, durch logische Analyse den Erkenntnisgehalt der wissenschaftlichen Sätze und damit die Bedeutung der in den Sätzen auftretenden Wörter, Begriffe klarzustellen, führen zu einem positiven und zu einem negativen Ergebnis.
Man benutzt also Logik für wissenschaftliche Aussagen. Das führt zu einem positiven und negativen Ergebnis. Die empirische Wissenschaft liefert das positive Ergebnis.
Die einzelnen Begriffe der verschiedenen Wissenschaftszweige werden geklärt. Ihr formallogischer und erkenntnistheoretischer Zusammenhang wird aufgewiesen. erkenntnistheoretischer Zusammenhang wird aufgewiesen.
Durch logische Analyse bekommt man Klarheit in seine Begriffe. Das kann man auch mit rationalistischen Verfahren machen. Er analysiert die Sprache. Aber das führt zu einem negativen Ergebnis, nämlich in der Metaphysik.
Auf dem Gebiet der Metaphysik, einschließlich aller Wertphilosophie und Normwissenschaft, führt die logische Analyse zu dem negativen Ergebnis, dass die vorgeblichen Sätze dieses Gebietes gänzlich sinnlos sind.
Das Ziel ist also, die Metaphysik und die Wertphilosophie zu zerstören. Und damit auch der Moral. Normwissenschaft ist auch Ethik. Und das Ergebnis ist sinnlos, weil es keinen empirischen Gehalt hat.
Unsere These behauptet nun, dass die angeblichen Sätze der Metaphysik sich durch logische Analyse als Scheinsätze enthüllen.
Das ist die Methode. Man analysiert Sprache und stellt fest, dass manche Sätze keinen Sinn haben, weil sie sich nicht auf Gegenstände beziehen. Bei moralischen Sätzen ist das klar, denn das sind keine Gegenstände, sondern menschliche Handlungen.
Sinnvolle Sätze
Worin besteht nun die Bedeutung eines Wortes?
Die Frage ist also: Wie findet man heraus, was ein Wort bedeutet? Das ist eine einfache Frage.
Die elementare Satzform für das Wort Stein ist z.B. "x ist ein Stein". In Sätzen dieser Form steht anstelle von x irgendeine Bezeichnung aus der Kategorie der Dinge z.B. "dieser Diamant" "dieser Apfel".

Logische Sätze, auf die sich diese logische Analyse beziehen kann, haben die Form "X ist ein Y". Wenn man "Stein" in den Satz setzt, ist der Satz "X ist ein Stein". Dann kann man feststellen, welche Wörter den Satz erfüllen. Ein Diamant ist ein Stein, wenn man es so sagt. Aber "dieser Apfel ist ein Stein" ist falsch. Die Sätze sind sinnvoll, weil man eindeutig klären kann, ob sie richtig oder falsch sind. Das sind ganz andere Sätze als zum Beispiel "Man sollte keine Menschen töten" oder so. Solche Sätze kann man nicht beweisen. Man kann nur sagen, dass es ein vernünftiger Wert ist. Aber die haben nicht die Form X ist ein Y.
Zweitens muss für den Elementarsatz S des betreffenden Wortes die Antwort auf folgende Frage gegeben sein, die wir formulieren können. Aus was für Sätzen ist S ableitbar und welche Sätze sind aus S ableitbar? Unter welchen Bedingungen soll S wahr unter welchen falsch sein? Wie ist S zu verifizieren? Welchen Sinn hat S?
Das Erste ist logisch. Entweder kann man diesen Satz aus anderen Sätzen ableiten. Wenn die anderen Sätze bereits verifiziert sind, kann man ihn logisch ableiten. Dann weiß man, dass er richtig ist. Man kann natürlich feststellen, welche Sätze man aus diesem Satz ableiten kann. Wenn der Satz richtig ist, sind auch die Sätze, die man daraus abgeleitet hat, richtig. Es geht also darum, welche Bedingungen dafür gelten, dass S wahr oder falsch ist. Man kann diesen Satz beweisen. Dann ist er wahr. Man kann ihn nicht beweisen. Dann ist er falsch. Das ist der Sinn.
Das heißt, nur solche Sätze, die man empirisch verifizieren kann, haben überhaupt einen Sinn.
Bei vielen Wörtern, und zwar bei der überwiegenden Mehrzahl aller Wörter der Wissenschaft, ist es möglich, die Bedeutung durch Zurückführung auf andere Wörter, Konstitutionen Definitionen anzugeben. Zum Beispiel, Arthropoden sind Tiere mit gegliedertem Körper, gegliederten Extremitäten und einer Körperdecke aus Chitin.
Manche Wörter bestehen aus anderen Wörtern. Dann weiß man, was sie bedeuten.
In dieser Weise wird jedes Wort der Sprache auf andere Wörter und schließlich auf die in den sogenannten Beobachtungssätzen oder Protokollsätzen vorkommenden Wörter zurückgeführt. Durch diese Zurückführung erhält das Wort seine Bedeutung.
Man analysiert alle Sätze, bis man sie zu Protokollsätzen oder Beobachtungssätzen zuordnen kann. Diese kann man dann anhand der Erfahrung überprüfen. Man kann feststellen, ob sie richtig oder falsch sind.
Unabhängig von der Verschiedenheit dieser Auffassungen steht fest, dass eine Wortreihe nur dann einen Sinn hat, wenn ihre Ableitungsbeziehungen aus Protokollsätzen feststehen, mögen diese Protokollsätze nun von dieser oder jener Beschaffenheit sein. Und ebenso, dass ein Wort nur dann eine Bedeutung hat, wenn die Sätze, in denen es vorkommen kann, auf Protokollsätze zurückführbar sind.
Das ist entscheidend. Sätze haben nur dann Sinn, wenn man sie auf Protokollsätze zurückführen kann. Also auf Beobachtungen, die sich verifizieren lassen. Das zeigen wir oben im Schaubild. Oben sind verschiedene Wörter. Alle kommen von einzelnen Beobachtungen. So weiß man, was sie bedeuten. Mit den Sätzen kann man das genauso machen. Jeder Satz wird so lange analysiert, bis er die Form "x ist ein y" hat. Dann ist es ein Protokollsatz. Darin kann man überprüfen, ob das empirisch gegeben ist. Damit die Sätze einen Sinn ergeben, müssen sie sich auf diese Protokollsätze zurückführen lassen.
Sinnlose Wörter
Nehmen wir beispielshalber an, jemand bildet das neue Wort "babig" und behaupte, es gäbe Dinge, die babig sind und solche, die nicht babig sind. Um die Bedeutung dieses Wortes zu erfahren, werden wir ihn nach dem Kriterium fragen. Wie ist im konkreten Fall festzustellen, ob ein bestimmtes Ding babig ist oder nicht?
In diesem Beispiel ist das klar: Jemand führt den neuen Begriff "babig" ein. Das Wort hat erst mal keine Bedeutung. Wenn man behauptet, dass es einen Sinn hat, muss man sagen, wie man feststellen kann, ob etwas babig ist oder nicht. Das muss man überprüfen können. Andernfalls wäre der Begriff "babig" sinnlos.
Nun wollen wir zunächst einmal annehmen, der Gefragte bleibe die Antwort schuldig. Er sagt, es gebe keine empirischen Kennzeichen für die Babigkeit. In diesem Falle werden wir die Verwendung des Wortes nicht für zulässig halten.
Das ist der Sinn dieser Sprachanalyse. Manche Wörter darf man wissenschaftlich nicht benutzen, wenn man nicht sagen kann, wie man feststellen kann, ob etwas tatsächlich babig ist oder nicht.
Zweitens wollen wir den Fall annehmen, dass das Kriterium für ein neues Wort etwa „bebig" festliegt. Und zwar sei der Satz, "dies Ding ist bebig", stets dann und nur dann wahr, wenn das Ding viereckig ist.
Jetzt führt jemand den Begriff "bebig" ein. Wenn jemand sagt, dass etwas bebig ist, wenn es viereckig ist, dann ist "bebig" dasselbe wie "viereckig". Es ist sinnlos, zu sagen: "Ich verstehe da aber außerdem noch was anderes darunter, was man empirisch nicht feststellen kann und so weiter." Es geht nur um die Feststellbarkeit. Wenn alle viereckigen Dinge bebig sind, dann bedeutet "bebig" dasselbe wie "viereckig".
Hier werden wir sagen, das Wort "bebig“ hat dieselbe Bedeutung wie das Wort "viereckig". Und wir werden es als unzulässig ansehen, wenn die das Wort Verwendenden uns sagen, sie meinten, aber etwas anderes damit als "viereckig". Es sei zwar jedes viereckige Ding auch bebig und umgekehrt, aber das beruhe nur darauf, dass die Viereckigkeit der sichtbare Ausdruck für die Bebigkeit sei, diese aber sei eine geheime, selbst nicht wahrnehmbare Eigenschaft.
Hier geht es um Eigenschaften, die man nicht überprüfen kann und die man nicht sehen kann. Empirismus ist hier also nicht möglich. Der Ausdruck ist sinnlos. "Bebig" bedeutet dasselbe wie "viereckig", weil man "viereckig" überprüfen kann.
Verifikation

Das führt zu bestimmten Kriterien für die Verifikation. Ein verifizierter Satz ist entweder indirekt verifiziert, indem er aus einem anderen Satz abgeleitet ist, den man überprüfen kann, oder er ist selbst verifiziert, also anhand von Beobachtungen als richtig erwiesen. Sätze, die man nicht verifizieren kann, wenn sie geheime Sachen sind, die man nicht überprüfen kann, scheiden aus. Deswegen müssen Sätze entweder verifiziert sein oder aus schon verifizierten abgeleitet sein. Man kann nicht sagen, dass es Sinn macht, bestimmte Worte wie "bebig" noch zusätzlich einzuführen, weil man damit etwas ausdrücken kann, was man in der Erfahrung nicht feststellen kann. Diese Sätze sind sinnlos.
Die Frage ist: Ist Verifikation, also der Beweis von empirischer Richtigkeit überhaupt möglich? Deshalb wird es in der Wissenschaftstheorie immer weitergehen. Carnap will alle Sätze sinnlos machen, die man nicht überprüfen kann. Das setzt voraus, dass Überprüfung grundsätzlich funktioniert.
Das Ergebnis unserer Überlegungen sei kurz zusammengefasst. A sei irgendein Wort und S(a) der Elementarsatz, in dem es auftritt. Die hinreichende und notwendige Bedingung dafür, dass A eine Bedeutung hat, kann dann in jeder der folgenden Formulierungen angegeben werden, die im Grunde dasselbe besagen. Die empirischen Kennzeichen für A sind bekannt. Es steht fest, aus was für Protokollsätzen S(a) abgeleitet werden kann. Die Wahrheitsbedingungen für S(a) liegen fest. Der Weg zur Verifikation von S(a) ist bekannt.
Existenz

Solche Sätze möchte er gerne haben, wo man klar ableiten kann, unter welchen Umständen sie verifizierbar sind. Das wendet er jetzt auf das Existenzproblem an. Das Problem ist, dass "sein" hier verschiedene Bedeutungen hat. Hier bedeutet "ist" eine Kopula und "Mensch" ist das Prädikatsnomen. Das Verb "ist" verbindet "Peter" und "Mensch". Man kann überprüfen, ob Peter ein Mensch ist. Einen solchen Satz kann man überprüfen.
Im Satz "Menschen sind" ist "sein" ein Vollverb. Man kann diesen Satz auch so schreiben: "Es gibt mindestens einen Menschen". Das kann man überprüfen, vorausgesetzt, man weiß, was ein Mensch ist. Man muss festlegen, wie man überprüfen kann, ob jemand ein Mensch ist.
Dagegen der Satz "Peter ist", wo man das Vollverb "sein" mit einem Namen verbindet, ist nicht verifizierbar, weil nicht definiert ist, was man unter einem Peter versteht. Beim Menschen hier ist das definierbar, bei einem Peter nicht. Deswegen ist dieser Satz einfach sinnlos, weil er nicht verifizierbar ist. Solche Sätze sind völlig sinnlos, weil sie zwar analytisch gewonnen werden können, aber empirisch nicht überprüft werden können.
Vielleicht die meisten der logischen Fehler, die in Scheinsätzen begangen werden, beruhen auf den logischen Mängeln, die dem Gebrauch des Wortes "sein" in unserer Sprache folgen.
Der erste Fehler ist die Zweideutigkeit des Wortes "sein". Es wird einmal als Kopula vor einem Prädikat verwendet. "Ich bin hungrig". Ein andermal als Bezeichnung für Existenz. "Ich bin." Durch die verbale Form wird ein Prädikat vorgetäuscht, wo keines vorliegt. Man hat zwar längst schon gewusst, dass die Existenz kein Merkmal ist, vergleiche Kants Widerlegung des ontologischen Gottesbeweises. Aber erst die moderne Logik ist hierin völlig konsequent. Sie führt das Existenzzeichen in einer derartigen, syntaktischen Form ein, dass es nicht wie ein Prädikat auf Gegenstandszeichen bezogen werden kann, sondern nur auf ein Prädikat.
Das ist eben eine der entscheidenden Konsequenzen der Sprachanalytik in der Wissenschaft und führt eben dann zu einer eindeutigen Fachsprache. Man darf das Verb "sein" nur noch als Kopula verwenden und nicht als Vollverb im Sinne von "Peter ist" oder "Menschen sind". Die Umformung ist der Satz: "Es gibt mindestens einen Menschen". Das ist eine Umformung des Satzes „Menschen sind", also "existieren“, in einen Satz, in dem das Sein nur noch als Kopula vorkommt und dann sinnvoll auf Dinge angewendet werden kann.
Ein Beispiel für diesen Fehler finden wir in dem cogito ergo sum des Descartes.
Da bemerken wir zwei wesentliche logische Fehler. Der erste liegt im Schlusssatz "Ich bin". Das Verbum "sein" ist hier zweifellos im Sinne der Existenz gemeint, denn eine Kopula kann ohne Prädikat nicht gebraucht werden. Das "Ich bin" des Descartes ist ja auch stets in diesem Sinne verstanden worden. Dann verstößt aber dieser Satz gegen die vorhin genannte logische Regel, dass Existenz nur in Verbindung mit einem Prädikat, nicht in Verbindung mit einem Namen, Subjekt, Eigennamen ausgesagt werden können.
Der Satz "Ich bin" hat keine Bedeutung. Denn "ich bin" bedeutet "ich existiere". Man könnte das so in einem Satz sagen: "Es gibt ein Mindestens ein Ich, von dem man sagen kann, dass es existiert". Solche Sätze sind aber von Anfang an nicht zulässig, weil sie das Verb "sein" nicht als Kopula verwenden, sondern als Aussage über die Existenz.
Ein Existenzsatz hat nicht die Form A existiert, wie hier "ich bin". Das heißt, "ich existiere", sondern "es existiert etwas von der und der Art". Der zweite Fehler liegt in dem Übergang von "ich denke" zu, "ich existiere". Soll aus dem Satz P(a) (dem A kommt die Eigenschaft P zu) ein Existenzsatz abgeleitet werden, so kann dieser die Existenz nur in Bezug auf das Prädikat P nicht in Bezug auf das Subjekt der Prämisse aussagen.
Descartes' Fehler ist, dass er aus "Ich denke" "Ich bin" ableiten will. Aber daraus kann man nicht logisch ableiten, dass es sich bei "Ich" um das gleiche wie "Ich bin" handelt. Man könnte sagen: "Es gibt etwas, das denkt, weil ich denke." Das ist aber etwas anderes als die Aussage "Ich bin". Denn "Ich bin" bedeutet "sein" im Sinne von Existenz und nicht "sein" im Sinne von "ein Denkendes sein". Hier wurde "sein" in zwei verschiedenen Bedeutungen benutzt.
Aus "Ich bin ein Europäer" folgt nicht "Ich existiere", sondern "es existiert ein Europäer". Aus "Ich denke" folgt nicht "Ich bin", sondern "es gibt etwas Denkendes". Auch das ist klar, aus dem Satz "Ich bin ein Europäer“ folgt nicht, dass ich existiere, diesen Satz kann man auch aufstellen, wenn es mich gar nicht gibt. Ich denke mir mich als einen Europäer und daraus kann ich nicht folgern, dass ich existiere, weil ich einfach aus Zweideutigkeit des Wortes "sein" benutzt habe, um etwas aus einem Satz zu folgern, aus dem das nicht gefolgert werden kann. Deswegen folgt eben aus "Ich denke" nicht, dass ich existiere, sondern nur "es gibt etwas Denkendes."
Wahrheit

Das hat Folgen für den Begriff von Wahrheit. Das haben wir schon beim Rationalismus festgestellt. Es gibt eben Tautologien, also analytische Urteile a priori, zum Beispiel "Junggesellen sind nicht verheiratet". Das kann man nicht beweisen, aber das ist auch nicht nötig, weil man unter einem Junggesellen sowieso einen unverheirateten Mann versteht. Man weiß also nur, was man unter dem Begriff "Junggeselle" versteht. Aber man kann daraus nichts über die Wirklichkeit schließen. Für Carnap sind nur Sätze wichtig, die man überprüfen kann. Denn nur die sagen etwas über die Wirklichkeit aus.
Das macht nur Sinn, wenn man sie so in Worte fassen kann, dass man weiß, welche Regeln daraus folgen und sie dann testen kann.
Wir haben uns früher überlegt, dass der Sinn eines Satzes in der Methode seiner Verifikation liegt. Ein Satz besagt nur das, was an ihm verifizierbar ist. Daher kann ein Satz, wenn er überhaupt etwas besagt, nur eine empirische Tatsache besagen.
Das ist einfach die Konsequenz aus der Beschränkung aller wissenschaftlichen Sätze auf solche, die sich empirisch überprüfen lassen.
Die sinnvollen Sätze zerfallen in folgende Arten. Zunächst gibt es Sätze, die schon aufgrund ihrer Form allein wahr sind. Tautologien nach Wittgenstein, sie entsprechen ungefähr Kants analytischen Urteilen. Sie besagen nichts über die Wirklichkeit. Zu dieser Art gehören die Formeln der Logik und Mathematik. Sie sind nicht selbst Wirklichkeitsaussagen, sondern dienen zur Transformation solcher Aussagen. Für alle übrigen Sätze liegt die Entscheidung über Wahrheit oder Falschheit in den Protokollsätzen. Sie sind somit wahre oder falsche Erfahrungssätze und gehören zum Bereich der empirischen Wissenschaft. Will man einen Satz bilden, der nicht zu diesen Arten gehört, so wird er automatisch sinnlos.
Das ist die wichtigste Folge. Es gibt Sätze, die man überprüfen kann und solche, die man nicht überprüfen kann. Zum Beispiel "Man soll nicht morden". Solche Sätze kann man nicht überprüfen, aber man kann sinnvoll darüber diskutieren. Carnap sagt, dass Sätze, die man nicht überprüfen kann, sinnlos sind und man sie nicht in der Wissenschaft verwenden sollte.
Die logische Analyse spricht somit das Urteil der Sinnlosigkeit über jede vorgebliche Erkenntnis, die über oder hinter die Erfahrung greifen will. Dieses Urteil trifft zunächst jede spekulative Metaphysik, jede vorgebliche Erkenntnis aus reinem Denken oder aus reiner Intuition, die die Erfahrung entbehren zu können glaubt. Weiter gilt das Urteil auch für alle Wert- oder Normphilosophie, für jede Ethik oder Ästhetik als normative Disziplin. Denn die objektive Gültigkeit eines Wertes oder einer Norm kann, auch nach Auffassung der Wertphilosophen, nicht empirisch verifiziert oder aus empirischen Sätzen deduziert werden.
Rechtliche, moralische, ethische Begriffe können empirisch nicht verifizierbar sein, weil sie aus der praktischen Vernunft folgen und gar keine Gegenstände als Sinn haben. Solche Sätze kann man nicht beweisen. Carnap schmeißt sie deshalb einfach raus. Ästhetische Sätze, also Sätze über Schönheit oder Nicht-Schönheit, kann man nicht beweisen. Man kann nicht mit naturwissenschaftlichen Experimenten beweisen, dass etwas schön ist.
Trotzdem kann es ja sinnvoll sein, dass wir uns selber über unterhalten: Was finden wir eigentlich schön und warum finden wir das schön? Das sind aber Sätze, die aus Carnaps Philosophie einfach ausscheiden.
Induktion

Und das führt zum berühmten Induktionsproblem. Für Carnap sind ja nur solche Sätze sinnvoll, die sich verifizieren lassen, also aus Protokollsätzen ableiten lassen. Dieses Verfahren der Verifikation funktioniert nicht, denn eine Verifikation ist nie vollständig. Wir haben vier Beobachtungen gemacht. Würde sich das durch 100 Beobachtungen ändern? Damit diese Verifikation, also die Induktion aus einzelnen Protokollsätzen, wirklich ein Wahrheitskriterium ist, müsste sie vollständig sein.
Man müsste alle Fälle mit einbeziehen, aber das ist unmöglich. Man kann nicht wissen, wie sich Dinge in der Zukunft verhalten werden. Die Daten über die Vergangenheit hat man meistens auch nicht. Deshalb ist diese Schlussfolgerung unmöglich. Deshalb kann man bei Popper sehen, dass sich empirische Sätze gar nicht beweisen lassen. Man kann nur sagen: "Auf der Grundlage der bisherigen Beobachtungen bestätigen wir diesen Satz." Aber es kann sein, dass sich in Zukunft andere Ergebnisse zeigen.
Da kommt noch ein Problem rein. Ich muss bei allgemeinen Sätzen immer klar machen, zu welcher Klasse von Dingen ich rede. Kuhn macht das zum Beispiel an dem Satz "Alle Schwäne sind weiß". Ich kann das aber nicht wissen, weil ich dafür auch Schwäne in der Zukunft untersucht haben müsste. Ich müsste auch Aussagen über alle Schwäne der Vergangenheit kennen, zum Beispiel von Schriftstellern. Aber vielleicht wurden viele Schwäne noch nie erwähnt. Es gab vielleicht früher viele blaue Schwäne, von denen wir nichts wissen.
Es könnte auch sein, dass ich in Zukunft einen schwarzen Schwan treffe. Und dann ist die Frage, würde ich überhaupt diesen Schwan als Schwan akzeptieren? Dann wäre ja die Verifikation nicht vollständig, sie würde nicht funktionieren. Ich habe 100 Schwäne getroffen und die waren alle weiß, aber der 101ste ist schwarz. Dann hat die Verifikation nicht stattgefunden, nach Carnap ist das ein sinnloser Satz. Ich könnte natürlich auch sagen: "Wir wissen ja, alle Schwäne sind weiß, das hier ist ein schwarzer Vogel, also sage ich einfach, das ist kein Schwan, weil er ja nicht weiß ist." Das heißt, das hängt davon ab: Was verstehe ich unter einem Schwan? Das wäre aber ein analytisches Urteil, das heißt, ich müsste erst mal den Begriff des Schwanes gebildet haben, um überhaupt zu wissen, von welchen Gegenständen rede ich.
Kritik
Dieses Problem unterschlägt Carnap aber, indem er die Bedeutung von Sätzen und den Sinn von Sätzen ausschließlich auf Beobachtungen stützen will. Carnap hat versucht, die Wissenschaft zu ordnen. Er wollte unterscheiden zwischen sinnvollen und sinnlosen Sätzen. Aber er hat die Sinnhaftigkeit von Sätzen an die Verifikation gebunden.
Bei Popper sieht man, dass er die Verifikation durch die Falsifikation ersetzt. Das ist dasselbe, denn man kann sie überprüfen, wenn das sinnvolle Sätze sind. Aber die müssen so formuliert sein, dass klar ist, unter welchen Bedingungen diese Sätze falsch werden. Das ist leichter zu erkennen als zu wissen, ob ein Satz wahr ist.
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