Empirismus bei Locke
- Stephan Sturm
- 7. Feb. 2025
- 14 Min. Lesezeit

Wir sind also im Empirismus von Locke. Locke ist quasi eine Art Erfinder des Empirismus.
Keine angeborenen Ideen
Die wichtigste Erkenntnis im Vergleich zu den Rationalisten ist, dass Locke davon ausgeht, dass es keine angeborenen Ideen gibt.

Er sagt, dass es diese Ideen gar nicht geben kann, denn dann müssten sie schon bei kleinen Kindern vorhanden sein. Aber das ist nicht so. Kleine Kinder wissen nichts davon.
Wenn es diese ursprünglichen Ideen nicht gibt, dann kommen sie aus der Erfahrung.
Dieser der allgemeinen Übereinstimmung entnommene Grund hat indes den Übelstand an sich, dass, wenn es tatsächlich richtig wäre, dass alle Menschen in gewissen Wahrheiten übereinstimmten, er nicht deren Eingeborensein bewiese, sofern noch ein anderer Weg aufgezeigt werden kann, auf dem die Menschen in den Dingen, wo sie übereinstimmen, zu dieser allgemeinen Zustimmung kommen. Und dieser Weg dürfte sich zeigen lassen.
Locke will jetzt einen anderen Weg zum Rationalismus entwickeln und zeigen, woher die Ideen kommen können. Wir wissen, dass sie aus Erfahrung stammen.
Denn erstens ist klar, dass Kinder und dumme Menschen nicht die leiseste Vorstellung oder einen Begriff davon haben. Dieser Mangel genügt, um jene allgemeine Zustimmung aufzuheben, welche notwendig alle angeborenen Wahrheiten begleiten müsste.
Es scheint mir ein Widerspruch, dass der Seele Wahrheiten eingedrückt sein, die sie nicht bemerkt oder nicht versteht.
Die Seele muss solche Wahrheiten bemerken und verstehen können, wenn sie sie denn hat. Das ist aber nicht unbedingt nötig. Man kann Ideen haben, die einem nicht einfallen. Manchmal bemerkt man sie erst später wieder.
Denn dieses Eingedrückte kann, wenn es überhaupt etwas bedeuten soll, nur bewirken, dass gewisse Wahrheiten gewusst werden und ich kann nicht verstehen, wie etwa der Seele eingeprägt sein könnte, ohne dass sie es bemerkte.
Wenn daher Kinder und dumme Menschen eine Seele oder einen Verstand mit solchen Einprägungen haben, so müssen sie sie auffassen. Sie kennen und diesen Wahrheiten beistimmen. Und da sie dies nicht tun, kann es solche Eindrücke nicht geben.
Das ist wie das erste Argument. Wenn Kinder und Dumme diese Ideen hätten, müssten sie sie bemerken. Dann wären sie zumindest nicht dumm.
Die wichtigste Voraussetzung von Locke ist also, dass es keine angeborenen Ideen gibt.

Auch wenn es sie gäbe, könnte man aus Ideen keine Erkenntnis ziehen. Das haben wir bei Descartes und Platon schon festgestellt. Aus bloßen Begriffen kann man eben nur analytische Urteile bilden. Man weiß, welche Begriffe man hat und was sie bedeuten. Aber man weiß noch nichts über die Außenwelt. Man muss Erfahrungen machen. Kant hat gesagt: "Begriffe ohne Anschauungen sind leer." Aber auch das Gegenteil ist wahr: "Anschauungen ohne Begriffe sind blind."
Locke sagt, dass man nur durch Erfahrung etwas über die Außenwelt lernen kann. Alles, was wir wissen, kommt von der Erfahrung.
Dabei ist der Begriff des "Materials" entscheidend. Der Verstand kombiniert Erfahrungen und erfindet so etwas Neues. Die Menschen kombinieren also aus ihren Erfahrungen neue Dinge. Sie haben nur Materialien, die sie umformen müssen.
Er denkt, dass es zwei Quellen der Erkenntnis gibt. Die erste ist die Sensation. Es geht um die Wahrnehmung von sensorischen Reizen. Zunächst bekommt man einfache Ideen wie hart und weich und weiß und gelb und kalt und heiß. Das sind also Eigenschaften oder Adjektive, die erst später vom Menschen zu Substanzen oder Subjektiven zusammengesetzt werden.
Jeder, der sich die Mühe nimmt auf die Tätigkeit des Verstandes ein wenig zu achten, wird finden, dass der Begriff des Seelenvermögens entscheidend ist, wenn die Seele gewissen Wahrheiten sofort zustimmt, dies weder auf einer natürlichen Einprägung noch auf dem Gebrauch der Vernunft, sondern auf einem Seelenvermögen beruht, was, wie wir später sehen werden, von beiden sehr verschieden ist.
Ausschlaggebend ist hier der Begriff des Seelenvermögens. Menschen denken und handeln ähnlich, weil sie die gleichen Ideen kombinieren.
Zuerst lassen die Sinne Einzelvorstellungen ein und richten das noch leere Kabinett ein. Die Seele wird dann allmählich mit Einzelnen derselben vertraut, sie werden in das Gedächtnis aufgenommen und es werden ihnen Namen gegeben.
Dann schreitet die Seele weiter vor, trennt sie begrifflich und erlernt allmählich den Gebrauch allgemeiner Worte.
Das berühmte leere Kabinett ist also das Hirn, die berühmte tabula rasa. In ihr ist zunächst einmal nichts, und alles muss von außen dazukommen. Das ist wie die Behauptung, dass alles aus Erfahrung kommt.
So wird die Seele mit Vorstellungen und Worten ausgestattet als dem Stoffe, an dem sie ihr begriffliches Vermögen üben kann. Je mehr dieser Stoff für ihre Beschäftigung zunimmt, desto sichtbarer wird der Gebrauch der Vernunft.
Wenngleich so der Besitz allgemeiner Vorstellungen und der Gebrauch allgemeiner Worte und der Vernunft gleichzeitig zunehmen, so sehe ich doch in keiner Weise ab, wie dies beweise, dass jene angeboren sein.
Die Seele bekommt also Vorstellungen, für die man später Worte entwickelt. Dadurch lernt sie, Dinge zu begreifen.
Wir wollen es also annehmen, die Seele sei, wie man sagt, ein weißes unbeschriebenes Blatt Papier, ohne irgendwelche Vorstellungen. Wie wird sie nun damit versorgt? Woher kommt sie zu dem großen Vorrat, welche die geschäftige und ungebundene Fantasie des Menschen darauf in beinahe endloser Mannigfaltigkeit verzeichnet hat? Woher hat sie all den Stoff für die Vernunft und das Wissen? Ich antworte darauf mit einem Worte: von der Erfahrung.
Erste Quelle: Sensation
Der Empirismus sagt, dass Erfahrungen die Grundlage aller Vorstellungen sind. Der Empirismus sagt, dass Erfahrungen die Grundlage aller Vorstellungen sind.

Und später kann dann die geschäftige und ungebundene Fantasie mit diesem Stoff neue Kombinationen entwickeln. All unser Wissen ist auf diese gegründet und von ihr leitet es sich im letzten Grunde ab.
Unser Beobachten entweder der äußern wahrnehmbaren Dinge oder der inneren Vorgänge in unserer Seele ist es, was den Verstand mit dem Stoff zum Denken versieht. Sie sind die beiden Quellen des Wissens, aus der alle Vorstellungen, die wir haben oder natürlicherweise haben können, entspringen.
Wichtig ist hier, dass "von ihr leitet sich im letzten Grunde ab" steht. Das heißt, das Wissen kommt nicht aus den Begriffen, sondern aus der Erfahrung, auf der unser Wissen beruht. Deshalb denkt Locke, dass wir auch auf Wegen, die auf Erfahrung basieren, zu Wissen kommen.
Ein Rationalist würde zugeben, dass wir Material brauchen, um unsere Begriffe zu verstehen. Aber er würde sagen, dass man daraus kein Wissen bekommt. Descartes hatte gesagt, dass Wissen auf Begriffen und nicht auf Wahrnehmung beruht. Wahrnehmung ist unzuverlässig.
Zunächst führen die Sinne in Berührung mit einzelnen sinnlichen Gegenständen verschiedene Vorstellungen von Dingen der Seele zu, je nach dem Wege, auf dem diese Gegenstände die Sinne erregen. So gelangen wir zu den Vorstellungen des gelben, weißen, heißen, kalten, weichen, harten, bittern, süßen und allen sogenannten sinnlichen Eigenschaften.
Das sind die einfachen Ideen, die sinnlichen Eigenschaften, die wir wahrnehmen. Locke sagt, dass die Sinne mit den Dingen in der Außenwelt in Verbindung kommen. Das hatten wir schon mal problematisiert, weil diese Berührung ja eigentlich nicht stattfindet, sondern es werden Lichtteilchen oder Schallwellen übertragen. Wir haben eigentlich keine Berührung mit den Gegenständen, sondern nur mit dem, was sie aussenden.
Mit diesem Zuführen meine ich, dass die Sinne von äußern Gegenständen, das der Seele zuführen, was die Vorstellung in ihr hervorbringt. Diese große Quelle unserer meisten Vorstellungen, die ganz von unseren Sinnen abhängen und durch sie in den Verstand übergeführt werden, nenne ich die Sinneswahrnehmung.
Die Sinneswahrnehmung ist die Sensation. Er denkt, dass "zuführen" bedeutet, dass die Gegenstände etwas mit der Seele machen, und die Seele dabei passiv ist.
Wir haben die einfachen Ideen "Hart", "Weich", "Weiß", "Gelb", "Kalt", "Heiß" und so gewonnen. Jetzt fangen wir an, etwas daraus zu basteln. Wir kombinieren zum Beispiel "Hart" und "Grün" oder "Hölzern" und "Lebendig" und sagen dann, das ist ein Baum. Der Baum ist also eine Idee, die wir uns gemacht haben.
Zweite Quelle: Reflexion

Die zweite Quelle ist jetzt die Reflexion. Sie funktioniert wie die äußere Wahrnehmung, nur dass man dabei sich selbst beobachtet und wie man Ideen kombiniert. Man kann also quasi sein eigenes Gehirn beim Denken beobachten. Das ist die Reflexion. Dabei geht es nicht darum, etwas zu überlegen. "Reflectere" kommt von "zurückbiegen". Man schaut auf sich selbst.
Zweitens ist die andere Quelle, aus der die Erfahrung den Verstand mit Vorstellungen versieht, die Wahrnehmung der Vorgänge in unserer eigenen Seele, wenn sie sich mit den erlangten Vorstellungen beschäftigt. Wenn die Seele auf diese Vorgänge blickt und sie betrachtet, so versehen sie den Verstand mit einer anderen Art von Vorstellungen, die von Außendingen nicht erlangt werden können. Dahin gehören das Wahrnehmen, das Denken, Zweifeln, Glauben, Begründen, Wissen, Wollen und alle jene verschiedenen Tätigkeiten der eigenen Seele.
Wenn man sich selbst beobachtet, kann man feststellen, ob man gerade etwas wahrnimmt, ob man denkt, ob man zweifelt, ob man glaubt oder begründet, ob man etwas weiß oder will. Das kann man ganz einfach feststellen.
Allein da ich jene Quelle schon Sinneswahrnehmung nenne, so nenne ich diese Selbstwahrnehmung, da die von ihren gebotenen Vorstellungen von der Seele nur durch Wahrnehmung ihres eigenen Tuns in ihr gewonnen werden können. Unter Selbstwahrnehmung verstehe ich in dem Folgenden die Kenntnis, welche die Seele von ihrem eigenen Tun und seiner Weise nimmt, wodurch die Vorstellungen von diesen Tätigkeiten in dem Verstand entstehen.
Jetzt fehlt hier nach diesen beiden Dingen, das heißt die Stofflichen als die Gegenstände der Sinne und die Vorgänge innerhalb unserer Seele als Gegenstände der Selbstwahrnehmung sind also der alleinige Ursprung aller unserer Vorstellungen.
Man hat also eine doppelte Wahrnehmung: die Eigenschaften der Dinge und die eigene Wahrnehmung. Diese Selbstwahrnehmung ist nichts anderes als Reflexion.
In diese Teile verhält sich der Verstand rein leidend und es hängt nicht von seinen Kräften ab, ob er diesen Stoff seines Wissens erlangt oder nicht. Die Sinnesgegenstände drängen meist, ohne dass die Seele will oder nicht, ihre besonderen Vorstellungen ihr auf. Und ebenso werden die Tätigkeiten der Seele uns nicht ganz ohne einige dunkle Vorstellungen von ihnen lassen.
Es ist wichtig, dass diese Dinge sich aufdrängen. Man erkennt also, ob man sich etwas ausgedacht hat, das es gar nicht gibt, oder ob die Sinneswahrnehmung von außen gesteuert ist. Das merkt man daran, dass die Sinneseindrücke sich aufdrängen. Man kann sie nicht vermeiden, während man eine eigene Vorstellung wegschieben und ignorieren kann. So kann man unterscheiden, ob man etwas wahrgenommen hat oder sich was vorstellt oder erinnert.
In diesem Teil ist der Verstand also leidend. Er hat noch nichts selbst kombiniert.
Wenn die Seele, die in den vorherigen Kapiteln erwähnten Vorstellungen von außen aufgenommen hat und sie nun ihren Blick auf sich selbst wendet und ihr eigenes Tun in Bezug auf diese erlangten Vorstellungen beobachtet, so gewinnt sie davon andere Vorstellungen, die ebenso gut zum Gegenstand der Betrachtung genommen werden können, wie die von äußeren Dingen.
Tätigkeiten des Verstandes

Die Art, wie wir uns selbst wahrnehmen, funktioniert ähnlich wie die Wahrnehmung von äußeren Dingen. Dann werden daraus komplexe Ideen. Bisher haben wir nur einzelne Dinge wahrgenommen und zu einer Idee zusammengesetzt. In dieser Konstruktion, die jetzt nicht mehr nur eine Funktion des Verstandes ist, sondern auch eine tätige, werden also mehrere einfache Ideen zu einer komplexen Idee zusammengesetzt. Wir haben gesehen, wie man aus verschiedenen Adjektiven einen Baum macht. Man kann auch mehrere Ideen zu verschiedenen Gegenständen zusammensetzen. Man muss entscheiden, welche Eigenschaften zu welchem Gegenstand gehören.
Bei Locke ist nicht klar, wie man das macht und warum man weiß, dass es zwei verschiedene Gegenstände sind. Es ist wichtig, besondere Eigenschaften aus einer allgemeinen Idee herauszulösen. Wenn man die Idee "Mensch" verstehen will, muss man alle Besonderheiten der Menschen abstrahieren, also weglassen. So kann man einen allgemeinen Begriff wie "Mensch" bilden.
Die zwei großen und hauptsächlichsten Tätigkeiten der Seele, die man am meisten betrachtet und die so häufig sind, dass jeder nach Belieben sie an sich selbst bemerken kann, sind Vorstellen oder Denken und Verlangen oder Wollen. Das Vermögen zu denken, heißt der Verstand und das Vermögen zu verlangen der Wille. Diese beiden Vermögen oder Anlagen der Seele heißen Fähigkeiten.
Die einfachsten Tätigkeiten sind: Denken, Verlangen und Wollen. Verlangen und Wollen sind fast dasselbe. Das eine ist theoretische, das andere praktische Vernunft.
Das nächste Vermögen, wodurch die Seele weiter in der Kenntnis vorschreitet, ist das, was ich das Behalten nenne oder das Festhalten der einfachen Vorstellungen, welche sie durch die Sinnes- und Selbstwahrnehmung empfangen hat.
Dies Behalten geschieht in zwei Weisen. Erstens, indem die eingeführte Vorstellung eine Zeit lang wirklich gegenwärtig behalten wird, was Betrachtung heißt.
Wir brauchen diese Erinnerungen, um später Ideen zu vergleichen. Wir vergleichen dann das, was wir gerade wahrnehmen, mit dem, was wir schon im Kopf an Erinnerungen haben.
Als ein weiteres Vermögen der Seele zeigt sich das, vermöge dessen sie zwischen ihren verschiedenen Vorstellungen unterscheidet. Die verworrene Vorstellung von etwas im Allgemeinen genügt nicht. Hätte die Seele nicht eine bestimmte Auffassung von den einzelnen Gegenständen und deren Eigenschaften, so wäre sie nur weniger Kenntnisse fähig, wenn auch die uns umgebenden Körper ebenso wie jetzt uns erregten und die Seele fortwährend mit Denken beschäftigt wäre.
Das ist klar. Man muss sich klare Vorstellungen machen. Dafür benutzt man die Informationen, die man durch die Sinne bekommen hat.
Eine weitere Tätigkeit der Seele in Bezug auf ihre Vorstellungen ist das Verbinden. Dabei stellt sie die mehreren einfachen, durch Sinnes- und Selbstwahrnehmung gewonnenen Vorstellungen zusammen und verbindet sie zu einer zusammengesetzten.

Auch das ist klar, das ist genau die Kombination, die zu komplexen Ideen führt.
Die Tätigkeiten in Bezug auf diese einfachen Vorstellungen sind hauptsächlich dreierlei Art. Eins, ein Verbinden mehrere einfachen zu einer zusammengesetzten Vorstellung. Zwei, ein Zusammenstellen zweier Vorstellungen. Gleich viel ob einfach oder zusammengesetzt und einen Aneinander bringen derselben in der Art, dass sie beide mit einem Blick übersehen werden, ohne jedoch sie zu verbinden. Auf diese Weise gewinnt die Seele alle Beziehungsvorstellungen. Drittens, ein Abtrennen derselben von allen anderen in der Wirklichkeit sie begleitenden Vorstellungen, dies ist das Abtrennen, wodurch die allgemeinen Vorstellungen gebildet werden.
Wissen
Es gibt drei Arten, wie man Wissen erlangt. Es geht jetzt darum, wie man zu Wissen kommt. Wissen bezieht sich immer nur auf unsere Vorstellungen. Wir können nicht direkt an die Außenwelt herankommen. Wir wissen über Dinge nur, weil wir sie uns vorstellen können. Wissen entsteht, wenn wir Dinge feststellen, die übereinstimmen oder widersprüchlich sind.
Das gilt nur für die Beziehung zwischen Vorstellungen. Damit wir etwas über die Außenwelt erkennen, müssen unsere Ideen von Bäumen, Häusern und so weiter mit den einfachen Ideen aus der Wahrnehmung übereinstimmen. Wir können also feststellen, ob unsere Begriffe aus den Eigenschaften bestehen und den einfachen Ideen aus der Wahrnehmung.
Da die Seele bei all ihrem Denken und Überlegen nur ihre eigenen Vorstellungen zum unmittelbaren Gegenstande hat und sie nur diese betrachten kann, so ist klar, dass unser Wissen es nur mit diesen Vorstellungen zu tun hat. Das Wissen scheint mir daher nur die Auffassung der Verbindung und Übereinstimmung oder der Nicht-Übereinstimmung und des Widerstreits unserer einzelnen Vorstellungen zu sein. Darin allein besteht es.
Wo diese Auffassung ist, da ist auch ein Wissen und wo sie fehlt, da mag ein einbilden, Vermuten, Glauben statthaben, aber kein Wissen.
Wenn unsere Ideen nicht übereinstimmen und unsere Vorstellungen einander widersprechen, sind sie unlogisch und können nicht wahr sein. Aber wir können sehen, ob unsere Ideen mit den Dingen übereinstimmen oder nicht.
Um genauer einzusehen, worin diese Übereinstimmung oder Nicht- Übereinstimmung besteht, will ich sie auf folgende vier Arten zurückführen. Eins: Dieselbigkeit oder Verschiedenheit. Zweitens: Beziehung. Drittens: Zusammenbestehen oder notwendige Verbindung. Viertens: wirkliches Sein.
Das „wirkliche Sein“ ist natürlich letzten Endes entscheidend, um festzustellen, ob etwas tatsächlich bei einem Ding in der Außenwelt entspricht. Das ist also der Zentralpunkt.
Das Zusammenbestehen oder die Verbindung ist interessant in Bezug auf Kausalität. Hume ist da skeptisch.
Das bloße Zusammensein bedeutet, dass zwei Dinge gleichzeitig da sind, aber nicht unbedingt etwas miteinander zu tun haben. Zwei Dinge, die voneinander Ursache und Wirkung sind, haben eine notwendige Verbindung miteinander. Dafür muss man erst einmal feststellen, dass es eine Beziehung zwischen Gegenständen gibt. Man muss wissen, ob etwas gleich ist oder anders. Bei Hume ist das die Ähnlichkeit.
Wenn wir aus der Vergangenheit auf die Zukunft schließen wollen, müssen wir zwei Ereignisse vergleichen. So können wir feststellen, ob ein Gegenstand eine bestimmte Wirkung hat. Wenn wir wissen, dass Wolken Regen bringen, müssen wir bei einer zweiten Wolke auch die gleiche Wirkung erwarten. Dafür müssen wir abstrahieren können, weil die Wolken unterschiedlich aussehen, aber die gleiche Wirkung haben.
Jedermann weiß untrüglich, sobald die Vorstellungen von weiß und rund in ihm auftreten, dass sie gerade diese Vorstellungen sind und nicht jene, die er rot und viereckig nennt. Kein Grundsatz und keine Regel in der Welt kann ihn davon klarer und deutlicher überzeugen, als er es schon vorher ist.
Das sind einfache Ideen von weiß und rund, die anders sind als rot und viereckig. Bei anderen Dingen kann es komplizierter aussehen.
Die zweite Art von Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung, welche die Seele an ihren Vorstellungen bemerkt, kann die beziehende genannt werden und ist nur die Auffassung der Beziehung zweier Vorstellungen zueinander. Seien sie Vorstellungen von Substanzen oder Eigenschaften oder sonst etwas. Die dritte Art der Übereinstimmung und Nichtübereinstimmung zwischen unseren Vorstellungen, welche die Seele erfasst, ist das Zusammenbestehen oder Nicht- Zusammenbestehen in demselben Gegenstande. Sie betrifft vorzugsweise die Substanzen.
Sagt man zum Beispiel vom Gold, dass es Feuer beständig sei, so will das Wissen um diese Wahrheit nur sagen, dass diese Beständigkeit oder die Kraft vom Feuer nicht verzehrt zu werden, die eine Vorstellung ist, die immer mit der besonderen Gelbheit, Schwere, Schmelzbarkeit, Biegsamkeit und Löslichkeit in Königswasser verbunden ist. Welche unsere Gesamtvorstellung, die Gold genannt wird, ausmacht. Die Kraft vom Feuer nicht verzehrt zu werden, tritt also regelmäßig mit einem Gegenstand auf, der gelb, schwer und schmelzbar und biegsam ist und in Königswasser gelöst werden kann. Folglich können wir, wenn diese Eigenschaften zusammen auftreten, daraus schließen, dass das auch nicht brennbar ist. Die vierte und letzte Art ist die des wirklichen Daseins und Bestehens, entsprechend der Vorstellung.
In diesen vier Arten von Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung ist meines Erachtens all unser Wissen, soweit wir dessen fähig sind, befasst.
Wir brauchen diese vierte Art, um festzustellen, dass es sich um Gegenstände der Außenwelt handelt. Die anderen Arten brauchen wir, um Beziehungen zwischen ihnen herzustellen. Das wirkliche Dasein in der Außenwelt ist der eigentliche Knackpunkt in der Theorie. Locke sagt, dass man feststellen kann, ob man etwas nur vorstellt, wünscht, denkt oder ob man es wirklich erlebt hat. Das merkt man an der Intensität des Erlebnisses.
Er sagt, dass Ideen, die man sich vorstellt oder träumt, nicht so intensiv sind wie die, die man wirklich erlebt. Das widerspricht dem Traumargument, das Descartes benutzt hatte. Nach Locke widerspricht dieses Traumargument sich selbst. Es könnte ja sein, dass das, was geträumt wurde, wiederum geträumt wurde. Und die Feststellung, dass das wiederum geträumt sein könnte, könnte auch wieder in einem Traum vorkommen. Und so weiter, und man würde nie zu irgendwelchen Ergebnissen kommen.
Indes ist uns hier ein überzeugendes Mittel gewährt, was jeden Zweifel ausschließt, denn die Auffassung ist eine ganz andere, wenn man bei Tage in die Sonne sieht oder nur des Nachts an sie denkt. Und wenn man wirklich Wermut schmeckt und eine Rose riecht oder bloß an diesen Geschmack und Geruch denkt.
Der Unterschied zwischen einer nur durch das Gedächtnis in der Seele wie der erweckten Vorstellung und der durch die Sinne wirklich in die Seele eingetretenen ist so groß, als er nur irgendein zwischen zwei Vorstellungen sein kann. Sagt man, dass der Traum dasselbe leiste und dass alle diese Vorstellungen auch ohne äußere Gegenstände in uns erweckt werden können, so träume man gefälligst, dass ich folgendermaßen antworte:
Erstens will es nicht viel sagen, ob ich diese Zweifel beseitige oder nicht. Denn wenn alles nur ein Traum ist, so bedarf es keiner Gründe und Beweise. Wahrheit und Wissen hören dann auf.
Mit diesem Argument kann man natürlich sagen, dass es nur geträumt sein könnte. Dann kann man nicht mehr weiterreden. Aber Locke versteht die Idee von Descartes nicht. Denn Descartes hat gesagt, dass man nur die Sinne im Traum träumen kann. Im Wachzustand und im Traum sind Begriffe gleich. Deshalb kann man davon ausgehen. Locke ist auch ein Empirist. Er glaubt, dass alle Erkenntnisse durch Erfahrung entstehen. Mit dem Traumargument kann man also nicht mehr kommen, weil man dann überhaupt kein Wissen mehr haben kann.
Zweitens wird sicherlich ein offenbarer Unterschied zwischen dem Traume, dass man im Feuer ist und zwischen dem wirklichen Darin- sein anerkannt werden. Will man aber auch da den Skeptiker fortspielen und das, was ich wirklich in dem Feuer sein nenne, bloß für einen Traum erklären und leugnen, dass man des Feuers außer uns gewiss sein könne, so folgt doch sicher Lust oder Schmerz auf die Berührung gewisser Gegenstände, deren Dasein man durch die Sinne wahrnimmt oder träumt.
Das ist eine Wiederholung des Intensitätsarguments. Er sagt, man merkt, ob man wirklich in dem Feuer ist oder ob man das nur träumt. Das ist ein schwaches Argument.
Kritik

Das Problem bei Locke ist ein anderes. Locke sagt, wir nehmen nur einzelne Ideen wahr und verbinden sie dann auf unterschiedliche Weise. Aber er erklärt nicht, woher diese Fähigkeiten kommen. Kant sagt, das sind die Fähigkeiten, die wir von Anfang an mitbringen. Er würde also sagen, dass diese Fähigkeiten bei allen Menschen gleich sind und angeboren. Hume sagt, dass die Assoziationsgesetze bei allen Menschen und Völkern gleich sind.
Das zweite Problem ist das Problem der inhaltlichen Begriffe. Wenn man viele sinnliche Wahrnehmungen hat, muss man sie auf verschiedene Dinge verteilen. Dafür braucht man aber von Anfang an bestimmte Begriffe oder Vorstellungen. Sonst weiß man ja gar nicht, welche Eigenschaften man welchen Gegenständen zuordnen soll. Das wäre wie ein sinnloser Strom von Gedanken. Das ist die Schwäche des Empirismus und die Stärke des Rationalismus. Am besten ist es, wenn man beides kombiniert.
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