Thomas Hobbes, Leviathan I
- Stephan Sturm
- 14. Jan. 2025
- 14 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 28. Jan. 2025

Thomas Hobbes ist einer derjenigen, die im Zusammenhang mit dem Englischen Bürgerkrieg versuchen, eine Theorie über den besten Staat zu finden. Es geht um Royalisten gegen Parlamentarier und um religiöse Konflikte. Die Staatstheorie muss deshalb eine nicht-religiöse Begründung finden. Im Englischen Bürgerkrieg kämpfen nämlich viele unterschiedliche religiöse Gruppen. Wenn man die Religion einer anderen Gruppe zugrunde legt, legt man sich also immer mit einer Gruppe an.
Das ist keine gute Strategie. Deshalb sucht die Staatstheorie jetzt nach einer nicht religiösen Begründung. Die Grundlage ist immer eine Vertragstheorie. Im Naturzustand schließen Menschen einen Vertrag mit einem Herrscher, der für Sicherheit sorgen soll. Alternativ schließen sie auch erst in einem zweiten Schritt einen Vertrag mit dem Herrscher.
Das ist gut, weil man so den Vertrag mit dem Herrscher auflösen kann, ohne die Gesellschaft wieder aufzulösen. Alle Vertragstheoretiker sagen, dass die Menschen ursprünglich frei und unabhängig waren. Dann haben sie sich in einer Gesellschaft zusammengeschlossen. Bei Hobbes schließen sie gleichzeitig einen Vertrag mit einem Herrscher. Diese Verträge können nicht mehr aufgelöst werden.
Hobbes unterstützt die Royalisten im englischen Bürgerkrieg. Er will eine Theorie über den Staat aufstellen. Darin gibt es nur einen Herrscher mit unbegrenzten Rechten. Dazu gehört auch das Recht, über Religion zu bestimmen. Wir schauen einfach mal rein.
Der Leviathan
Bei Hobbes ist der Leviathan ein sterblicher Gott und eine künstliche Person, die aus ganz vielen einzelnen Menschen besteht.

Das Titelbild der Schrift "Leviathan" zeigt den König als Mensch, der aus vielen einzelnen Menschen besteht. Die Bürger sind also in der Person des Monarchen repräsentiert. Die Bürger sind nicht etwas von dem Monarchen Verschiedenes, sondern sie sind der Monarch. Das ist wie bei der Prokura. Bei einer Prokura darf jemand Verträge im Namen der Firma abschließen. Alles, was dieser Jemand dann an Verträgen abschließt, gilt als Vertrag der Firma. Und so stellt sich Hobbes das auch vor: Die Bürger beauftragen den Monarchen, sie zu vertreten. Der Monarch handelt dann im Namen der Bürger. Deswegen können sie sich nie beschweren, wenn der Monarch etwas tut, was sie nicht wollen. Denn sie haben von Anfang an erklärt, dass sie alles wollen, was der Monarch tut.

Er sagt, die Menschen ahmen die Natur nach, also die Kunst, mit der Gott die Welt gemacht hat und regiert. Sie können sogar künstliche Menschen herstellen, die dann wie Maschinen für die Menschen funktionieren, die sie gebaut haben.
Die Civitas ist wie ein künstlicher Mensch, aber größer und stärker als ein Mensch. Sie wurde geschaffen, um zu schützen und zu verteidigen. Die Gesellschaft wurde gegründet, um alle Menschen zu einem einzigen Körper zu machen. So hat dieser Körper mehr Kraft als andere Menschen in der Gesellschaft.

Dieser künstliche Mensch kann wie ein natürlicher Mensch handeln. Dafür müssen wir uns anschauen, was ein Mensch für Hobbes ist. Wir fangen mit der Erkenntnistheorie an und der Frage, was der Sinn des Menschen ist.
Empirismus bei Hobbes

Das ist also die einfache Erkenntnistheorie von Hobbes. Sie ist eng verbunden mit den Naturwissenschaften, die sich mit der Welt beschäftigen und sie erforschen. Das ist Empirismus. Der Baum sendet Partikel aus, die auf die Sinnesorgane des Männchens drücken. Dadurch entstehen im Kopf des Männchens Vorstellungen von der Natur. Diese Erkenntnistheorie ist wichtig, weil nach Hobbes Erkenntnisse und Leidenschaften beim Menschen gleich entstehen. Auch die kommen von außen. Da das durch die Natur passiert, gilt das auch für die Leidenschaften. Die Natur erzeugt sie einfach. Man kann nichts dagegen tun.

Natürlich kann man sich irren. Aber diese Vorstellungen entstehen grundsätzlich durch den Körper. Die Vorstellungen bleiben erhalten, auch wenn man den Gegenstand nicht mehr sieht. Erinnerungen sind dann die Wahrnehmungen, an die man immer denkt.

Das ist ein relativ simples Modell für Erkenntnisse. Hume hat ähnliche Assoziationsgesetze aufgestellt. Sie ermöglichen den Vergleich von Erinnerungsbildern mit aktuellen Wahrnehmungen. Die Reihenfolge von Vorstellungen hängt von den Erfahrungen ab. Diese Erfahrungen bilden die Assoziationsgesetze. Wenn man das Wort "Auto" sieht, denkt man automatisch an ein Auto.

Für Hobbes ist jetzt Klugheit wichtig. Und zwar eine strategische Klugheit. Mit Klugheit kann man die Vergangenheit nutzen, um die Zukunft zu gestalten. Das hat den Vorteil, dass man aus der Vergangenheit auf die Zukunft schließen kann. So kann man richtig handeln. Man tut, was sich bewährt hat, und hofft, dass es auch in Zukunft so sein wird.

Hobbes zufolge beruht Klugheit auf Erfahrung. Auch die Vernunft in den Wissenschaften basiert auf Erfahrung. Auch die Wissenschaften basieren auf Erfahrung. Wissenschaft untersucht nur Kausalketten, also die Ursachen und Wirkungen.

Hobbes ist anders als die scholastische Philosophie. Die benutzt leere Begriffe, die nur Unsinn erzeugen. Hobbes will sich also auf die empirischen Wissenschaften stützen. Diese untersuchen nur Kausalketten und stellen die theologischen Implikationen der Scholastik beiseite.
Dementsprechend interpretiert Hobbes Leidenschaften auch rein empiristisch, also mit dem, was er unter Wissenschaft versteht.
Leidenschaften bei Hobbes
Hobbes sagt, dass Glück nur mit Erfolg zu tun hat. Kluge Leute nutzen die Wissenschaft, um aus der Vergangenheit auf die Zukunft zu schließen. Dann sind sie froh, weil sie mehr Erfolg haben.
Interessanterweise ordnet Hobbes eben hier auch die Religion ein. Die Religion sollte sich also auf wissenschaftliche Fakten beziehen, und es wird von vornherein unterschieden zwischen denjenigen Religionen, die erlaubt sind, und denen, die nicht erlaubt sind. Letztere sind Schwachsinn.
Die Leidenschaften entstehen vor allem durch den Wunsch nach Macht, Reichtum, Wissen und Ehre.
Die Leidenschaften, die am meisten die Unterschiede des Witzes verursachen, sind hauptsächlich das mehr oder weniger große Verlangen nach Macht, nach Reichtum, nach Wissen und nach Ehre. Alle diese Leidenschaften lassen sich auf die erste reduzieren, nämlich das Verlangen nach Macht.
Der Mensch will immer Macht. Das ist natürlich. Es ist angeboren und natürlich. Darauf basieren aber auch alle Vorstellungen von Wert und Würdigkeit.
Bei Hobbes ist also alles Macht. Wir haben gesehen, dass kluge Leute sich Vorteile verschaffen können. Macht verschafft Vorteile. Kluge Leute nutzen Macht. Die größte Macht besteht darin, verschiedene Leute zusammenzubringen.
Erfolg bedeutet Macht. Es geht immer nur um Macht. Deswegen sagt er, dass die Kraft eines Menschen das Mittel ist, um in der Zukunft ein gutes Leben zu haben.
Die Kraft eines Menschen, um es allgemein zu nehmen, ist sein gegenwärtiges Mittel, um ein zukünftiges, scheinbares Gut zu erlangen. Die größte der menschlichen Mächte ist diejenige, die aus den Kräften der meisten Menschen zusammengesetzt ist, die durch Einverständnis in einer Person vereint sind. Natürlich oder zivil, die den Gebrauch aller Kräfte abhängig von ihrem Willen hat, wie die Macht eines Gemeinwesens oder abhängig vom Willen eines jeden Einzelnen, wie die Macht einer Fraktion oder verschiedener zusammengeschlossener Fraktion.

Die größte Macht hat man, wenn viele Menschen zusammenarbeiten. Dafür braucht man Menschen, die das tun, was man selber will. Man muss also wieder Macht haben, um zu bestimmen, was andere tun sollen. Guter Erfolg ist auch Macht, weil man dann mehr Menschen sagen kann, was sie tun sollen.

Der Wert eines Menschen besteht dann rein ökonomisch in dem Preis, den andere für seine Arbeit zu zahlen bereit sind. Dieser Wert zeigt sich in der Ehre. Er hat nichts mit Menschenrechten oder der Menschenwürde zu tun. Andere Leute sind bereit, für diese Kraft zu zahlen.
Der Wert eines Menschen ist, wie bei allen anderen Dingen, sein Preis. Das heißt so viel, wie man für den Gebrauch seiner Kraft geben würde und ist daher nicht absolut, sondern eine Sache, die von der Notwendigkeit und dem Urteil eines anderen abhängt. Der öffentliche Wert eines Menschen, der der Wert ist, den das Gemeinwesen auf ihn legt, ist das, was die Menschen gemeinhin als Würde bezeichnen.
Andere Leute gehorchen einem nur, weil man Macht hat. Sie können ihre eigene Macht erhöhen, wenn sie jemandem gehorchen, der noch mehr Macht hat. Der Wert eines Menschen ist also der Preis, den andere für seine Kraft zahlen würden. Es gibt keine Menschenrechte.

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, zu zeigen, dass einen andere wertschätzen. Man hat Ehre, wenn andere einem vertrauen, einem Ratschläge geben oder zustimmen. Oder wenn sie einen lieben oder fürchten. Das ist für Hobbes dasselbe. Man hat Ehre, wenn man reich ist. Oder wenn man auffällt.
Hobbes sagt, dass es egal ist, ob eine Handlung moralisch ist. Denn Ehre hat nichts mit Anstand oder Gewissen zu tun. Sie kommt nur von Macht.
Auch ändert es nichts an der Sache der Ehre, ob eine Handlung, so sie groß und schwer und auch eine große Macht ist, gerecht oder ungerecht ist. Denn Ehre besteht nur in der Meinung der Macht.

Hobbes macht das an einem Beispiel klar. Die alten Griechen haben ihren Göttern auch Diebstahl, Vergewaltigung, Betrug und Ehebruch zugeschrieben. Das fanden sie nicht ehrenrührig.
Auch die Götter verhalten sich wie Menschen. Sie kämpfen um Ehre und Macht.
Es gibt zwei Triebkräfte im Menschen. Menschen wollen Macht, weil sie ihnen Vorteile verschafft. Aber alle Menschen sind auch bequem. Deshalb gehorchen sie anderen, die ihnen Sicherheit und Bequemlichkeit versprechen.
Für die Starken und Reichen ist der Sinn des Staates, mehr Macht zu bekommen. Die Armen und Schwachen wollen ein bequemes Leben.
Die Religion
Hobbes sagt, dass es zwei Gegensätze gibt, in denen sich das Staatsfeld bewegt. Das rationale Motiv ist mehr Macht und mehr Sicherheit. Die Religion versucht, Angst zu schüren, und zwar auf irrationale Weise.
Deshalb will Hobbes mit seinem Staat die irrationale Macht der Religion abschaffen. Er will stattdessen einen Staat, der auf rationalen Interessen beruht.

Er denkt, dass Religion aus einem Mangel an Wissenschaft entsteht. Die Leute kennen die wahren Ursachen nicht. Sie denken sich deshalb Götter aus. Die sollen für die Veränderungen zuständig sein.

Und durch diesen Mangel an Wissenschaft entsteht also mangelnde Klugheit und dann vertrauen die Leute in kirchliche Autoritäten. Das ist für Hobbes natürlich klar, dass man kirchlichen Autoritäten nicht gehorchen soll, weil die das nur aus Eigennutz machen und die Leute künstlich verwirren, um daraus selber Profit zu schlagen. Wir erinnern uns: Es geht um die Macht von verschiedenen religiösen Gruppen. Hobbes unterstützt den König, der rational denkt. Die anderen religiösen Gruppen unterstützen die Parlamentarier.

Die Kirchen erfinden dann irgendwelche Ursachen, Götter, Dämonen und so weiter. Sie nutzen das aus, um Macht über die Menschen zu bekommen. Sie nutzen die Unkenntnis der Menschen über die Ursachen des Glücks aus, indem sie irgendwelche unsichtbaren Mächte erfinden.

Weil die Religion nichts weiß und gegen die Wissenschaft ist, hat England die römische Kirche abgeschafft.
Wir haben gesehen, dass Hobbes die scholastische Philosophie nicht mochte. Und die scholastische Philosophie stützt sich auf Aristoteles.
Als England die römische Kirche abschaffte, löste es auch die Verbindung der Religionen mit der Philosophie von Aristoteles auf. So konnte die Wissenschaft sich frei entwickeln und die Machtinteressen des Landes wurden gestärkt.
Das politische Motiv, warum man die dumme römische Religion abschaffen musste, lag darin, dass die römische Kirche alles Mögliche an Artikeln erfunden hat und für heilsnotwendig erklärt hat, die eigentlich nur ihren eigenen finanziellen Vorteilen diente. Und die Kirche hat eben dann auch versucht, die Könige zu Untertanen, nämlich Untertanen der Kirche zu erklären. Natürlich möchte Hobbes im Gegensatz dazu, dass der König über die Kirche regiert und nicht etwa die Kirche über den König.
Es muss einen Staat geben, der auf der Grundlage von rationalen Interessen aufgebaut ist. Wir haben gesehen, dass Menschen immer mehr Macht haben wollen. Das führt zu Konkurrenz und alle neiden sich ihr Eigentum. Das Problem muss der Staat lösen.
Naturzustand
Im Naturzustand entsteht Konkurrenz. Denn alle Menschen haben die gleichen Kräfte. Deshalb haben sie auch die gleichen Hoffnungen. Das führt zu Konkurrenz. Und der führt zum Krieg.


Denn Menschen wollen von anderen geschätzt werden. Alle Menschen wollen Macht. Deshalb kämpfen Menschen gegeneinander, um an Macht zu kommen. Das führt dazu, dass sogar Kleinigkeiten zu Kriegen führen.


Die Konkurrenz um Macht und Ehre führt dazu, dass der Naturzustand zu einem Kriegszustand wird. Entscheidend für Hobbes ist jetzt, dass Krieg nicht nur dann besteht, wenn tatsächlich gekämpft wird, sondern auch dann, wenn es bloß eine Neigung zum Krieg gibt. Man muss also immer damit rechnen, dass einen jemand überfallen will.


Die Menschen haben Angst vor Gewalt. Niemand kann sicher sein. Deshalb kann niemand die Früchte seiner Arbeit genießen, weil er jederzeit damit rechnen muss, von anderen bekriegt oder bestohlen zu werden. Es lohnt sich nicht, etwas anzubauen, weil es einem gestohlen wird.

Im Naturzustand ist nichts ungerecht, weil es kein Recht gibt. Der Staat gibt es ja noch nicht. Anders als bei Locke gibt es für Hobbes keine rechtliche Grundlage im Naturzustand. Solange keine Gesellschaft gegründet wurde und keine gemeinsame Macht existiert, gibt es auch kein Recht. Wir bräuchten einen König, der Recht schafft. Aber wir befinden uns im Krieg, und deshalb gibt es kein Recht.
Das führt dazu, dass Gewalt und Betrug im Naturzustand eigentlich gut sind. Manchmal sind sie sogar die wichtigsten Tugenden. Gewalt und Betrug machen stärker. So kann man mehr Menschen unterdrücken und seine Ziele erreichen.

Das führt dazu, dass es kein Eigentum, sondern nur Besitz gibt. Man kann andere Leute zwar vom Gebrauch einer Sache ausschließen, aber nur mit Gewalt und nicht mit Recht. Denn Besitz beruht im Naturzustand nur auf Gewalt. Eigentum ist eine rechtliche Definition, die es im Naturzustand nicht gibt, weil es noch keinen Staat gibt.
Die Menschen hoffen auf Frieden, weil sie Angst vor dem Tod haben und ein gutes Leben führen wollen.
Sie sind bereit, auf Freiheit zu verzichten und einen Staat zu gründen.
Dieser Staat beruht aber auf Naturgesetzen.
Naturrecht
Auch bei Hobbes gibt es im Naturzustand Regeln. Die sind durch die Vernunft entstanden und beruhen nicht auf religiösen Überzeugungen.

Die Naturgesetze sagen: Jeder darf seine Kraft so einsetzen, wie er will, um zu überleben. Jeder hat das Recht, sich selbst zu erhalten und alles zu tun, um das hinzukriegen. Man darf sich nicht selbst schaden. Das wäre dumm.
Jeder hat ein Recht auf alles, auch auf den Körper anderer. Man darf also Menschen umbringen, wenn man denkt, dass es einem selbst hilft.
Im Unterschied zu Locke gibt es keine Pflicht, das Leben anderer zu schützen. Im Naturzustand hat man nur Pflichten gegenüber sich selbst.

Aber man sollte Frieden anstreben. Das ist ein Naturgesetz. Ich kann aber nur auf Freiheiten verzichten, wenn andere Leute auch auf Freiheiten verzichten. Niemand sollte auf seine Rechte verzichten, wenn die anderen das nicht auch tun. Denn sonst macht er sich selbst zur Beute und verletzt das oberste Naturgesetz, nämlich die Pflicht, sich selbst zu erhalten. Man kann nicht auf etwas verzichten, nur um anderen zu helfen, wenn andere das nicht auch tun.
Deswegen ist es für Hobbes wichtig, dass alle Menschen alle Rechte abgeben, wenn sie selbst welche abgeben. Das ist die einzige Möglichkeit, sich gegen andere zu wehren.

Das Recht wird aufgegeben, entweder durch einfachen Verzicht oder durch Übertragung auf einen anderen. Durch einfachen Verzicht, wenn er sich nicht darum kümmert, wem der Nutzen daraus zufällt, durch Übertragung, wenn er beabsichtigt, den Nutzen davon einer bestimmten Person oder mehreren Personen zukommen zu lassen.
Wenn man einfach auf sein Recht verzichtet, hat das zur Folge, dass dann jeder dieses Recht für sich nutzen kann. Und das löst natürlich das Konkurrenzproblem nicht, sondern verschärft es eigentlich. Ich verzichte einfach zugunsten von unbekannten anderen, die sich dann dieses Recht einfach nehmen.
Man kann es aber auch auf eine andere Person übertragen. Das hat den Vorteil, dass nicht jeder sich dieses Recht einfach nehmen kann, sondern nur derjenige, den ich ausdrücklich dazu ermächtigt habe, dieses Recht nutzen kann. Und damit ist nach Hobbes das Konkurrenzproblem gelöst.

Denn ich beauftrage einfach Menschen, denen ich vertrauen kann und die stark genug sind, mich zu schützen, dieses Recht für mich in Anspruch zu nehmen. Ich muss es dann nicht mehr selbst verteidigen. Das hat den großen Vorteil, dass ich gegen andere Menschen ziemlich sicher bin, nur nicht gegen die Menschen, denen ich dieses Recht übertragen habe.

Wenn ich aber auf ein Recht verzichte, erwarte ich eine Gegenleistung oder einen Vorteil. Im Staat besteht diese Gegenleistung in der Sicherheit. Aber deshalb kann man bestimmte Rechte nicht aufgeben, zum Beispiel das Recht, sich gegen Gewalt zu wehren. Denn wenn man dieses Recht aufgibt, kann man keinen Vorteil mehr daraus ziehen. Dasselbe gilt für die Abwehr der Gefahr, verletzt oder gefangen genommen zu werden.
Um Rechte zu übertragen, müssen Verträge geschlossen werden. Verträge kann man im Prinzip auch im Naturzustand schließen. Dann hat man aber Probleme, die Verträge durchzusetzen.
Verträge

Denn Verträge können entweder sofort erfüllbar sein, man bekommt sofort die Gegenleistung für das, worauf man verzichtet hat, oder sie basieren auf Vertrauen. Das sind solche Verträge, bei denen ich die Leistung erst in der Zukunft erhalte, aber jetzt schon auf etwas verzichten muss. Solche sofort erfüllbaren Verträge sind also nach Hobbes auch im Naturzustand möglich. Vertrauensverträge hingegen sind im Naturzustand sinnlos, weil ich keine Möglichkeit mehr habe, die Gegenleistung einzufordern, wenn es keinen Staat gibt, der die Macht hat, diese Interessen auch tatsächlich durchzusetzen.
Denn in der Hobbesschen Anthropologie kann man anderen Menschen prinzipiell nicht trauen, weil Menschen von Natur aus ehrgeizig sind und mehr Macht haben wollen. Und dagegen können Worte prinzipiell nichts ausrichten. Die einzige Möglichkeit, sich dagegen zu wehren, dass Menschen Vertrauen missbrauchen und Verträge nicht einhalten, besteht also darin, dass es eine Macht gibt, die Verträge auf Vertrauensbasis absichert, nämlich indem sie denjenigen bestraft, der Verträge nicht einhält.
Das ist also im Prinzip der Grund, warum man unbedingt eine Gesellschaft gründen muss, weil man nur dann die Macht hat, diese Verträge, die auf Vertrauen beruhen, auch durchzusetzen. Denn die meisten Verträge, die man so abschließt, sind ja nicht sofort erfüllbar, sondern beziehen sich auf Güter, die man erst in der Zukunft erhält.
Wer schon einen Vertrag mit jemandem geschlossen hat, kann nicht denselben Vertrag mit einem anderen schließen. Deshalb ist auch die Übertragung der Rechte auf einen Herrscher für immer bindend. Man kann deshalb den Herrscher nicht nachher austauschen wollen.
Weitere Naturgesetze
Das sind also die Naturgesetze, die nach Hobbes schon im Naturzustand gelten. Diese Naturgesetze sind also ewig und unveränderlich und interessanterweise die Grundlage jeder wahren Moralphilosophie. Natürlich lehnt Hobbes auch hier jede scholastische Philosophie ab, die Moral auf Nächstenliebe oder ähnliches gründet. Er will also alles nur auf vernünftige Naturgesetze gründen.

Und diese Gesetze sind daher eigentlich keine besonderen Gesetze, sondern nur Folgerungen aus der Notwendigkeit der Selbsterhaltung und Selbstverteidigung: Jeder Mensch hat im Naturzustand das Recht und die Pflicht, sich zu erhalten und zu verteidigen. Und daraus ergeben sich alle anderen Naturgesetze, die wir gesehen haben.
Zusammenfassung
Dies ist also die Anthropologie von Hobbes. Die Leidenschaften, die sich letztlich alle in dem Streben nach immer mehr Macht zusammenfassen lassen, sind also ebenso naturgegeben wie das Wissen. Man kann sie nicht ändern, sie sind einfach gegeben, man kann sie nur in Schach halten. Aber dazu sind bloße Worte nutzlos und unsinnig und unzureichend. Das kann man sich sparen, und Moralpredigten helfen auch nicht. Die Leidenschaften des Menschen sind immer stärker. Und da sie auch von Natur aus gegeben sind, sind sie an sich auch nicht schlecht oder böse oder sonst was, die Menschen sind einfach so.
Daraus folgt, dass sie Frieden im Prinzip nur durch Verträge erreichen können, was aber im Naturzustand nicht möglich ist, weil im Naturzustand nur sofort erfüllbare Verträge Sinn machen, weil es keine Macht gibt, die eine in der Zukunft versprochene Leistung auch einfordern könnte.
Es gibt also eine doppelte Notwendigkeit, einen Staat zu gründen. Erstens, weil man dann gegenüber den anderen, die nicht in diesem Staat sind, mächtiger ist, weil man seine Kräfte gebündelt hat. Und zweitens, weil man sich dann untereinander nicht bekriegen muss und in Sicherheit leben kann und dadurch mehr Besitz haben kann, ein schönes Leben haben kann und so weiter, wenn man nicht ständig gegen die anderen Krieg führen muss.

Normalerweise müsste man aber immer Angst vor seinen Mitmenschen haben, weil es ihr natürliches Bestreben ist, einem etwas wegzunehmen oder gar zu töten, wozu sie im Naturzustand auch das Recht haben.
Die einzige Möglichkeit, den unweigerlich eintretenden Kriegszustand zu vermeiden, besteht also darin, einen Staat zu gründen.
Aber wenn man einen Staat gründet, muss man zwangsläufig auf bestimmte Rechte verzichten, insbesondere darauf, anderen etwas wegzunehmen, andere Menschen zu töten und so weiter. Das kann man aber nur riskieren, wenn alle anderen das auch tun. Dass sie es einem versprechen, ist aber keine hinreichend sichere Grundlage, weil man damit rechnen muss, dass sie den Vertrag jederzeit brechen.
Das heißt, man kann das nur machen, wenn es eine Macht gibt, die garantieren kann, dass sie all diese Verträge auch jederzeit durchsetzen kann. Das muss jemand sein, der mächtig genug ist, alles durchzusetzen, was er will.

Außerdem kann man auf Rechte nur verzichten, wenn man sie gleichzeitig jemandem überträgt, sonst liegen sie quasi herum und können von jedem, der sie zufällig findet, aufgegriffen und genutzt werden. Man löst also nicht das Problem, dass man sich im Kriegszustand mit allen anderen befindet, sondern man stärkt im Gegenteil nur die Macht der anderen. Der Verzicht auf ein Recht macht also nur Sinn, wenn man eine konkrete Person benennt, auf die man alle diese Rechte überträgt. Das ist der König.
Und deshalb kann eine Gesellschaft nur gegründet werden, wenn gleichzeitig ein Herrschaftsvertrag geschlossen wird, in dem dann alle Rechte, auf die die Menschen in der Gesellschaft zwangsläufig verzichten müssen, sofort auf eine Person übertragen werden, damit man keine Angst mehr vor seinen Mitmenschen haben muss.
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