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Religion und Staatsphilosophie



Einzug Cromwells in London (KI)
Einzug Cromwells in London (KI)

Religiöse und historische Hintergründe der englischen Staatsphilosophie im 17. Jahrhundert






Wir beschäftigen uns später näher mit den politischen und staatsrechtlichen Theorien des 17. Jahrhunderts. Wir müssen kurz klären, welche religiösen und politischen Hintergründe es gab.

Religion spielt in diesem Jahrhundert, also im 17. Jahrhundert noch eine entscheidende Rolle in der Staatsphilosophie. Die Versuche der Vertragstheorie beruhen darauf, dass man mit dem Gottesgnadentum in der politischen Theorie nicht mehr viel machen konnte. Das liegt an den vielen religiösen Auseinandersetzungen, die es nach der Reformation gab. Deshalb musste man auf nicht-religiöse Motive umsteigen, weil man so die religiösen Probleme lösen konnte. Eigentlich ist es ja eine bezeichnende Erkenntnis, dass man sich beim Westfälischen Frieden, also dem Ende des 30-jährigen Kriegs, einfach nur noch um politische Fragen kümmern sollte und die religiösen Fragen außen vorlassen sollte.

 



Robert Filmer (KI)
Robert Filmer (KI)

Die Staatstheorie musste also eine nicht-religiöse Basis finden. Locke hat einen Teil seines ersten großen Textes über die Regierung mit einer heute sinnlosen religiösen Theorie gefüllt. Er diskutiert eine Theorie von Sir Robert Filmer. Der meinte, die Könige hätten ihre Macht von Adam geerbt. Adam hatte Anspruch auf alles, als er noch allein auf der Welt war.  Im zweiten Band des "Leviathans", den heute niemand mehr liest, beschäftigt sich Hobbes nur mit religiösen Machtansprüchen. Er will beweisen, dass schon im Alten Testament die Religion nicht die Politik bestimmt hat.Hobbes sagt, dass schon im Alten Testament die weltlichen Herrscher die Macht hatten. Sie haben entschieden, was die richtige Religion ist. Und nicht die Religion hat entschieden, was die richtige Politik ist.

Das sehen wir bei den einzelnen Autoren noch näher, aber man sieht daran schon, inwieweit im religiösen Fragen noch eine Rolle spielen in der Staatstheorie, sonst hätten die entsprechenden Autoren nicht so viel Energie darauf verwendet.


Reformation



Ablauf Reformation
Ablauf Reformation

Wir fangen mit der Reformation an. 1517 hat Martin Luther die 95 Thesen an die Schlosskirche in Wittenberg geschlagen.  1518 wird er deshalb in Augsburg vor Gericht gestellt. 1520 findet der berühmte Reichstag in Worms statt, wo Luther es ablehnt, seine Schriften zu widerrufen. Damit widerspricht er dem Kaiser und der katholischen Kirche, also dem Papst. Denn der wollte die Religion definieren können.

 

Deshalb gibt es jetzt mehrere Konfessionen. Weil es jetzt mehrere Konfessionen gibt, kann man Politik nicht mehr auf Religion stützen. Man müsste dann sagen, welche Konfession man zugrunde legt. Die anderen Konfessionen würden das aber nicht akzeptieren. Sie würden sagen, das sei eine falsche Religion und Politik, die darauf beruht, sei falsch.

 

1530 gibt es zum ersten Mal eine andere Glaubensrichtung als die katholische Kirche. Sie heißt Confessio Augustana, weil sie in Augsburg beschlossen und dem Kaiser vorgelegt wurde. Der Kaiser kann sie nicht ablehnen, weil es politische Verwicklungen gibt. Es gibt jetzt also mindestens zwei Kirchen. Es entstehen dann noch viele weitere Kirchen und Glaubensgemeinschaften, vor allem in England.

 

Aber erst muss man wissen, dass 1523, also drei Jahre nach dem Reichstag in Worms, die Reformation in Schottland startet. Bis 1560 dauert es, bis sie sich durchsetzt.  1560 wird in Schottland das "Confessio Scotica" veröffentlicht. Darin wird Widerstand gegen eine ungerechte Obrigkeit zu einem guten Werk erklärt, das von Gott geboten wird. Christen dürfen sich also gegen eine ungerechte Obrigkeit wenden und machen damit etwas Gutes. Das motiviert die Leute, gegen Könige vorzugehen.

 

Maria I. hat 1553 versucht, England wieder zum Katholizismus zu führen. Das hat aber nicht geklappt. Gleichzeitig kam es in Schottland zur Reformation.

 

In den Niederlanden gab es von 1519 bis 1619 eine Reformation. Einige Länder sind bereits reformiert, also evangelisch. Von 1519 bis 1712 gab es in der Schweiz eine Reformation. In Europa gibt es jetzt mehrere Kirchen, keine einheitliche katholische Kirche mehr. Das macht die Religion natürlich komplizierter. Die Politik hat es deshalb schwer, sich auf Religion zu berufen.

 



Augsburger Religionsfriede (KI)
Augsburger Religionsfriede (KI)

Zwischenzeitlich wird jetzt 1555 die deutschen Länder der Augsburger Religionsfriede geschlossen mit der berühmten Formel "cuius regio, eius religio". Es gibt also jetzt zum ersten Mal so etwas wie Religionsfreiheit, allerdings nicht für normale Menschen, sondern für die Fürsten. Dieses "cuius regio“ „eius religio" bedeutet, jeder Fürst kann sich aussuchen, welche Religion in seinem Gebiet gilt, und die gilt dann automatisch auch für alle Leute, die sich in dieser Region, also in diesem Fürstentum aufhalten. Immerhin wird gleichzeitig also beschlossen, dass man auch auswandern darf, was man vorher nicht durfte, nämlich dann, wenn der Fürst eine andere Religion hat, als der einzelne Bürger hat. Das war ein Versuch, das Religionsproblem zu lösen.



Dreißigjähriger Krieg



Dreißigjähriger Krieg
Dreißigjähriger Krieg

Der Versuch ist nicht sehr nachhaltig, denn von 1618 bis 1648 findet der 30-jährige Krieg statt. Ursprünglich hat der tatsächlich religiöse Hintergrund.  Aber auch politische und soziale Gründe spielen eine Rolle. Unterschiedliche Fürsten kämpfen aus unterschiedlichen Gründen in diesem 30-jährigen Krieg. Am Ende kämpft jeder gegen jeden. 



Schlacht im Dreißigjährigen Krieg (KI)
Schlacht im Dreißigjährigen Krieg (KI)

Dieser Krieg war verheerend. 40 Prozent der deutschen Landbevölkerung starben oder wurden durch Seuchen getötet. In Teilen Süddeutschlands überlebte nur ein Drittel der Bevölkerung. Das heißt, in Süddeutschland starben zwei Drittel der Bevölkerung. In den anderen Teilen starb fast die Hälfte der Menschen.  Gleichzeitig gibt es einen 80-jährigen Krieg von 1568 bis 1648 zwischen den Niederlanden und Spanien. Spanien ist katholisch, die Niederlande sind jetzt evangelisch.  Vor allem wollen sie nicht von den Spaniern besetzt werden.  Hier mischen sich wieder religiöse und politische Interessen.  Und das in Kriegen, die Jahrzehnte dauern.

 

Insgesamt sieht man also, dass diese ganzen politischen und mit ihnen vermischten religiösen Interessen zu endlosen Kriegen führen.



Englischer Bürgerkrieg




Vorgeschichte Englischer Bürgerkrieg
Vorgeschichte Englischer Bürgerkrieg

Der nähere Hintergrund für die Staatstheorien von Locke und Hobbes ist aber der englische Bürgerkrieg. Das war von 1642 bis 1649. Dabei stritten sich der König und das Parlament.

 

Das ist eigentlich ein politischer Disput, der außerdem noch ökonomische Hintergründe hat.  Das Problem ist, dass der König ständig Geld braucht und das Parlament dieses Geld bewilligen müsste.  Das Parlament hat aber kein Interesse daran und versucht, also die Bewilligung von Steuern immer davon abhängig zu machen, dass das Parlament mehr Rechte bekommt.

 

Dieser Konflikt hat mit Politik und Gesellschaft zu tun. Er entstand, als das Bürgertum an Einfluss gewann. Im Unterhaus sitzen die Reichen, die die Steuern festlegen, obwohl sie selbst kein Interesse daran haben.

 



Heinrich VIII
Heinrich VIII

Der König und der Adel haben Macht verloren. Das Geld haben jetzt die Parlamentarier.  Das führt zu einem Konflikt mit den Puritanern, Presbyterianern und Katholiken.  Die Anglikaner sind den Katholiken noch relativ nah. Die anglikanische Kirche hatte Heinrich VIII. gegründet, um vom Papst loszukommen und selber zu bestimmen, was in der Kirche passieren soll.  Der König ist der Chef in der Kirche.  Die Puritaner und die Presbyterianer sind evangelisch.  Die Presbyterianer haben in der Kirche so etwas wie Parlamente.  Die Puritaner glauben fest an die Bibel und lehnen alles ab, was Könige aus politischen Gründen beschließen.  Die sind gegen den König, außer die Anglikaner.  Das heißt, es gibt Streit zwischen den Kirchen.  Manche unterstützen den König, andere sind gegen ihn.

 

Schon kurz nach der Gründung der anglikanischen Kirche durch Heinrich VIII. im Jahr 1534 gab es Widerstand.  Die Puritaner sind gegen die anglikanische Kirche und gegen den König, der von dieser Kirche gestützt wird.

 



Irische Soldaten (KI)
Irische Soldaten (KI)

Von 1639 bis 1651 findet dann außerdem noch ein Krieg von England gegen Irland und Schottland statt.  Auch hier spielen wieder die Vermischungen von Sonderungsinteressen der Iren und Schotten und deren Vermischung mit religiösen Interessen eine Rolle.

 



Englischer Bürgerkrieg
Englischer Bürgerkrieg




1604 wird Jakob I. König von Großbritannien. Er ist Calvinist.  Er versucht, ein Gottesgnadentum durchzusetzen.  Das ist vor dem Englischen Bürgerkrieg.  Das Parlament ist dagegen.  Das Parlament möchte, dass die Rechte des Königs auf Gesetzen und einer Verfassung beruhen und nicht auf Gottesgnadentum.  Das Gottesgnadentum würde bedeuten, dass der König sehr viele Rechte hätte und absolut wäre.

 

Das führte zum Widerstand des Parlaments und der Puritaner.  1605 hatte dann der berühmte Guy Fawkes die Ermordung von Jakob I. geplant.  Es gab also schon vor dem Bürgerkrieg von 1642 bis 1649 viele Auseinandersetzungen zwischen dem König und den Parlamentariern auf der einen Seite und den Anglikanern auf der anderen Seite.

 

Und dieser Englische Bürgerkrieg findet eben statt zwischen Karl I. und Truppen des Parlaments.  Jakob I. hat das Gottesgnadentum für sich beansprucht. Das ist eine religiöse Begründung. Karl I. hat jetzt Probleme mit dem Parlament, weil da viele Puritaner sind.  Das Parlament muss Hafenzölle bewilligen. Diese Hafenzölle braucht der König, um Geld zu verdienen. Das Parlament muss diese Hafenzölle aber genehmigen.  Das machen sie jetzt immer nur für ein Jahr. So können sie dafür sorgen, dass das Parlament mindestens einmal im Jahr einberufen werden muss.  Die Könige in England haben das immer so gemacht, dass das Parlament sich nie versammelt und nie tagt.  Wenn die Hafenzölle nur für ein Jahr erlaubt werden, muss der König das Parlament einberufen, um die Zölle zu erhalten.

 

Der englische König hat sich im 30-jährigen Krieg gegen Spanien engagiert. Dadurch war er pleite.  Deshalb braucht er jetzt das Parlament, um neue Finanzmittel zu bekommen. Das könnten zum Beispiel Steuern oder Zölle sein.  Das Unterhaus macht die Bewilligung davon abhängig, dass die Petition of Right akzeptiert wird.

 

Darin steht, dass das Parlament zustimmen muss, bevor Steuern erhoben werden dürfen.  Das Parlament möchte jetzt rechtlich absichern, dass es immer zustimmen muss, wenn Steuern erhoben werden sollen.   Das ist der Hintergrund.

 

Jetzt gibt es außerdem noch Probleme bei den Schotten, und die machen also 1638 einen Aufstand.  Sie sagen, sie haben einen Vertrag mit Gott. Die Confessio Scotica hat erklärt, dass man einen Vertrag mit Gott hat.  Deshalb ist es gut, sich gegen ungerechte Könige zu wehren.

 

Der König braucht wieder Geld.  Er muss einen Krieg gegen die Schotten führen.  Dafür muss das Parlament einberufen werden, um Geld zu bewilligen.  Das führt zu einem neuen Problem.  Der König kann nicht so, wie er möchte. Er muss das Parlament einberufen.

 




Im Jahr 1641 rebellieren die irischen Katholiken.  Das kostet wieder Geld.  Das führt jetzt zu einem Streit im Parlament.  Es geht um die Grundlagen des Gottesgnadentums.  Das heißt, hier wird schon infrage gestellt, dass der König von Gott beauftragt worden sein kann und einfach per Gottesgnadentum regieren kann.

 

Karl I. muss das Problem lösen.  Deshalb versucht er 1642 einen Staatsstreich gegen das Parlament. Es ist komisch, dass der König das machen kann.  Aber eigentlich regiert er nicht legitim, weil er sich nie auf das Parlament stützen kann.  Jetzt versucht er es mit Gewalt.  Das führt zu Kämpfen zwischen den königlichen und den parlamentsfreundlichen Truppen.  Königliche Truppen kämpfen also gegen vom Parlament beauftragte Truppen.  Das führt zu Problemen mit den anderen Ländern, die zu Großbritannien gehören.  1643 unterstützt Schottland die Parlamentarier und stellt sich auf ihre Seite.

Daraufhin gründet der Puritaner Cromwell die berühmte New Model Army.  In der Armee sind fast nur Puritaner.  Sie haben alle die gleiche Religion.  Sie sind gut bewaffnet und ausgebildet.  Im Unterschied zu den Soldaten, die man sonst so hat, das sind ja alles Miet-Soldaten.  Sie kämpfen mit viel Eifer.  Das macht die New Model Army sehr erfolgreich.

 


Sturz der Monarchie





1649 wurde Karl I. hingerichtet. Das war in der Geschichte etwas ganz Neues. Ab da konnte man einen König für seine falsche Politik vor Gericht bringen und sogar hinrichten.  Die Monarchie wird gestürzt und ein Commonwealth of England gegründet. Das dauert noch eine Weile. Royalisten und Parlamentarier wechseln sich ab. Die Royalisten kommen wieder auf, weil Cromwell eine Diktatur errichtet hat.  Und er ist auch nicht sehr demokratisch.  Die Kriege gegen Schotten und Iren sind blutrünstig. Viele Menschen sterben. Ich glaube, er hat die Hälfte der Schotten umgebracht.  Deshalb wechseln die Schotten manchmal die Seite und die Royalisten gewinnen für kurze Zeit.

 



Glorious Revolution (KI)
Glorious Revolution (KI)



Glorious Revolution (KI)
Glorious Revolution (KI)

Das Ganze endet erst 1688 mit der berühmten Glorious Revolution und seitdem hat England eine konstitutionelle Monarchie.  In dieser Zeit entstanden die Theorien von Hobbes und Locke. Hobbes ist Royalist. Das ist aber lange vor der Glorious Revolution. Damals dachte man, dass die Royalisten gewinnen würden.  Locke steht auf der Seite der Parlamentarier. Er unterstützt die Theorie der Glorious Revolution. Diese besagt, dass die Monarchie in der Verfassung verankert sein soll. Locke schreibt das er allerdings auch nach der Glorious Revolution, als er quasi auf der sicheren Seite ist. 



Konsequenzen für die Staatsphilosophie





Thomas Hobbes (KI)
Thomas Hobbes (KI)

In diesem ganzen Feld bewegen sich jetzt die Staatstheorien von Hobbes und Locke. Sie versuchen, eine nicht-religiöse Begründung für den Staat zu finden. Dabei versuchen sie, eine Vertragstheorie zu entwickeln.  Dabei geht es auch um einen Naturzustand. Das Volk schließt einen Vertrag mit den anderen Gesellschaftsmitgliedern und gleichzeitig oder anschließend einen Vertrag mit der Regierung.  Das ist die Grundlage aller modernen Staatstheorien. Man wollte das Gottesgnadentum vermeiden. Außerdem muss man eine Verfassung machen, die die Rechte von Königinnen und Parlamenten sicherstellt. Locke ist in seinen Erklärungen eher religiös, aber er vermeidet Aussagen, die an eine bestimmte Religion erinnern.

 



John Locke (KI)
John Locke (KI)

Beide wollen eine Vertragstheorie aufstellen. Sie sagen, dass bestimmte Dinge im Naturzustand schon immer gegolten haben und deshalb später nicht aufgehoben werden können.  Beide berufen sich also auf den Naturzustand und das Naturrecht.  Und dieser Wille Gottes ist gleichzeitig das Naturrecht.  Das heißt, es gibt zwei Gründe.  Einerseits eine religiöse Begründung, vor allem bei Locke.  Die andere Begründung ist allgemein verständlich und beruht auf dem Naturrecht. Sie ist auch für Leute ohne Religion oder mit anderen Überzeugungen verständlich.

Eine allgemein verständliche Begründung auf Basis des Naturrechts, die auch von Leuten verstanden werden kann, die einer anderen Religion angehören.

 

Dieses Muster, also eine Doppelbegründung, gibt es noch in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung. Dort stehen eine religiöse und eine naturrechtliche Begründung.

 

Wir müssen uns anschauen, wie Hobbes und Locke das begründen und ob das vernünftig ist und ob man das heute noch akzeptieren kann. 


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