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Rationalismus bei Descartes


Methodischer Zweifel


Wir sind jetzt beim Rationalismus, wie ihn Descartes vertritt.  Descartes stellt sich wie viele andere Philosophen die Frage, wie man zu sicheren Erkenntnissen kommt. Dazu entwickelt er den methodischen Zweifel. Denn es ist einfacher, festzulegen, woran man alles zweifeln kann, als bei jeder einzelnen Erkenntnis festzustellen, dass sie falsch ist.

 

Also muss man an allen unsicheren Erkenntnissen zweifeln und das kann man vor allen Dingen an allen sinnlichen Wahrnehmungen.


Methodischer Zweifel bei Descartes
Methodischer Zweifel bei Descartes


Alles nämlich, was ich bis heute als ganz wahr gelten ließ, empfinge ich unmittelbar oder mittelbar von den Sinnen. Diese aber habe ich bisweilen auf Täuschungen ertappt und es ist eine Klugheitsregel, niemals denen volles Vertrauen zu schenken, die uns auch nur ein einziges Mal getäuscht haben.

Wer lügt, dem glaubt man nicht. Und wenn die Sinne einen schon mal getäuscht haben, kann man ihnen nicht trauen.

 



Traumargument bei Descartes
Traumargument bei Descartes

Das nächste Argument ist das Traumargument. Im Traum hält man seine Erlebnisse für real, obwohl sie es nicht sind. Das Problem ist, dass man nie genau weiß, ob man träumt oder wach ist. Also könnte das, was man für echt hält, in der Außenwelt nur ein Traum gewesen sein. Aber auch Träume basieren auf echten Erlebnissen. Was man tagsüber erlebt hat, wird nachts in den Träumen verarbeitet. Das, was für echte Erlebnisse gilt, muss auch für Träume gelten.


So muss man doch anerkennen, dass notwendigerweise wenigstens irgendetwas anderes noch einfacheres und allgemeineres wirklich sein müsse, aus dem alle jene wahren oder unwahren Bilder von Dingen gestaltet werden, die in unserem Bewusstsein vorhanden sind.

Die Träume und die Erlebnisse im Wachzustand folgen den gleichen Prinzipien. Man muss also nur die allgemeinen Begriffe und Prinzipien untersuchen. Dann hat man die Grundlage für beides entdeckt.

 



Sichere Erkenntnis durch Begriffe bei Descartes
Sichere Erkenntnis durch Begriffe bei Descartes

Deswegen kann man sichere Erkenntnisse durch allgemeine Begriffe erlangen. Wenn man sichere Erkenntnisse haben will, muss man sich an die Begriffe halten und nicht an die sinnliche Wahrnehmung. Das hatten wir bei Platon schon. Descartes sagt, dass wir nicht wissen, ob unsere Sinne uns nicht täuschen.

 

Die Gedanken sind immer gleich, egal ob man träumt oder wach ist. Die Erlebnisse verändern sich nur wenig. Es gibt auch abstrakte Ideen, die sich nicht verändern. Auf sie kann man sich verlassen und man kann logische Schlüsse ziehen.

 

Hume zeigt, dass das nur für Begriffe gilt, nicht für Tatsachen.

 

Sichere Begriffe sind zum Beispiel die Natur des Körpers und wie er sich ausdehnt. Auch die Form von großen Dingen, ihre Größe und wie viele es gibt, wo sie sind und wie lange sie dauern, und so weiter.


Somit könnten wir hieraus wohl zurecht schließen, dass die Physik, die Astronomie, die Medizin und alle anderen Wissenschaften, die von der Betrachtung der zusammengesetzten Körper abhängen, wenigstens zweifelhaft sein, während die Arithmetik, Geometrie und Vergleichbare, die lediglich die einfachsten und allgemeinsten Dinge behandeln und sich wenig darum kümmern, ob diese in Wirklichkeit da sind oder nicht, etwas Sicheres und unzweifelhaftes enthalten.

Wenn man sich nur auf allgemeine Ideen konzentriert, sind mathematische Systeme am sichersten. Alles, was mit Anschauung zu tun hat, also Geometrie oder Erfahrungen, ist immer unsicher.



Das Cogito




Das "Cogito" bei Descartes
Das "Cogito" bei Descartes

Das wird jetzt so dargestellt: "cogito, ergo sum". Denn während man denkt, kann man nicht bezweifeln, dass man selbst existiert. Wenn man denkt, muss es einen Denkenden geben. Und der muss existieren.

 

Daraus folgt noch nicht, dass man dauerhaft existiert und dass man derselbe ist, der gestern etwas gedacht hat, daraus folgt zunächst nur, dass man während dieses Denkprozesses irgendwie sein muss.

 

Wenn man genau diese Denkprozesse fokussiert, dann kommt man zu dem Punkt, an dem man anschließen kann. Und das liegt im Denken. Daraus schließt man, dass man selbst eine denkende Sache ist. Das Sicherste, was man über Außendinge weiß, ist, dass sie ausgedehnt sind. Denn der Begriff des Körpers als solchem sagt, dass er eine Ausdehnung hat.

 



Klare und deutliche Begriffe bei Descartes
Klare und deutliche Begriffe bei Descartes

Descartes sagt, dass man sich auf klare Begriffe immer verlassen kann. Bei reinen Begriffen kann man sich nicht irren, solange man sie klar und deutlich hat. Das hatten wir bei Platon schon: Eine deutliche Idee von Theodoros und Theaitetos kann man nicht verwechseln, solange man eine klare Vorstellung hat.



Wie entstehen falsche Vorstellungen?


Die Falschheit entsteht erst dann, wenn man die Begriffe auf empirische Erfahrungen bezieht. Im Bild haben wir das ideale Pferd, den Gedanken von Pferd und den Gedanken vom Baum. Wir haben aber gleichzeitig eine Wahrnehmung von diesem Pferd. Und dann kann sich Falschheit einschleichen, indem wir dieses Pferd fälschlich als Baum identifizieren.


Was nun die Vorstellungen anbetrifft, so können sie, wenn man sie nur an sich betrachtet und sie nicht auf irgendetwas anderes bezieht, nicht eigentlich falsch sein. Denn ob mir meine Einbildung nun eine Ziege oder eine Chimäre vorstellt, so ist es doch ebenso wahr, dass ich mir die eine, wie das ich mit die andere bildlich vorstelle.

Wenn ich eine Vorstellung habe, dann habe ich die. Daran zweifle ich nicht. Ich kann aber daran zweifeln, dass das, was ich mir vorstelle, wirklich eine Ziege ist. Denn dafür würde ich meine Vorstellung auf etwas in der Außenwelt beziehen.


Der vorzüglichste und häufigste Irrtum aber, den man in den Urteilen finden kann, besteht darin, dass sich Urteile, die in mir vorhandenen Vorstellungen, sein Gewissen außer mir befindlichen Dingen ähnlich oder entsprechend.

Das nennt Kant "Dialektischer Schein". Ich tue so, als ob meine Vorstellungen immer auch etwas in der Außenwelt zu tun haben. Dabei kann ich mir auch Dinge ausdenken, die es gar nicht gibt.



Objektivität


Descartes will beweisen, dass Begriffe objektiv sind. Er tut das mit der Idee des Betrügergottes. Er denkt, dass Gott die Menschen geschaffen hat. Das Problem bei Descartes ist, dass sein System ohne Gott nicht funktioniert und mein Gott nicht bewiesen werden kann. Descartes hat es versucht, aber nicht geschafft.



"Betrügergott" bei Descartes
"Betrügergott" bei Descartes

Er denkt, dass es einen Gott gibt, der die Menschen geschaffen hat. Aber Gott kann kein Betrüger sein, sonst würde das gegen seinen Begriff sprechen. Also kann Gott den Menschen nicht falsche Ideen ins Hirn geben. Aber Menschen glauben, dass es eine Außenwelt gibt. Wenn Gott die Menschen nicht so geschaffen hat, dass ihre Grundüberzeugungen völlig falsch sind, dann ist diese Vorstellung zumindest nicht grundsätzlich falsch. Also können wir schließen, dass es eine Außenwelt gibt.



Angeborene Ideen



Angeborene Ideen bei Descartes
Angeborene Ideen bei Descartes

Daraus folgt jetzt das berühmte Argument mit den angeborenen Ideen. Die heißen zwar erst bei Leibniz so, aber in der Sache sind sie bei Descartes schon da. Gott hat die Menschen mit allgemeinen Begriffen geschaffen. Mathe ist zum Beispiel eine abstrakte Idee. Diese Gedanken können nicht völlig falsch sein, denn sonst wäre Gott ein Betrüger.

 

Aus diesen Ideen kann man weitere Begriffe ableiten. Den Gegensatz zwischen Deduktion und Induktion hatten wir schon bei Platon. Die Naturwissenschaften leiten aus einzelnen Beobachtungen allgemeine Sätze ab. Die Philosophen leiten aus allgemeinen Begriffen auf deduktive Weise Hypothesen ab. Dabei muss das Verhältnis der Begriffe zu den daraus abgeleiteten Hypothesen logisch sein. Dann sind die Erkenntnisse immer 100 % sicher.

 

Hume sagt, man kann damit zwar zu 100 % sichere Sicherheit über Begriffe entwickeln, aber nichts über die Außenwelt erfahren. Bei Descartes tritt das Problem nicht auf, weil diese Begriffe mit den Dingen, die von Gott geschaffen worden sind, identisch sein müssen.

 


Denkregeln



Die erste Regel besagte niemals eine Sache als wahr anzuerkennen, von der ich nicht evidentermaßen erkenne, dass sie wahr ist. Die zweite, jedes Problem, das ich untersuchen würde, in so viele Teile zu teilen, wie es angeht und wie es nötig ist, um es leichter zu lösen.  Die dritte, in der gehörigen Ordnung zu denken, das heißt mit den einfachsten und am leichtesten zu durchschauenden Dingen zu beginnen, um so nach und nach gleichsam über Stufen bis zur Erkenntnis der zusammengesetzten aufzusteigen.Die letzten, überall so vollständigen Aufzählungen und so allgemeine Übersichten aufzustellen, dass ich versichert wäre, nichts zu vergessen.

Man kann also Regeln aufstellen, wie man mit diesen Begriffen verfahren muss.  Man fängt mit den einfachsten an und geht zu den obersten Prinzipien. Die Unterteilung muss vollständig sein. Das hatten wir schon bei der Dialektik bei Platon.



Kritik



Analytische Urteile bei Descartes
Analytische Urteile bei Descartes

Descartes' Denkweise hat einen Haken: Durch Unterteilen von Begriffen und logisches Schließen gewinnt man nur analytische Urteile. Man versteht dadurch seine Gedanken und weiß, was bestimmte Definitionen und Gedanken enthalten. Aber man hat keine Erkenntnisse über die Außenwelt gewonnen. Denn dafür müsste man diese Denkkategorien und Ideen auf eine Wahrnehmung beziehen. Das hat Descartes aber nicht vorgesehen. Erkenntnisse kommen also aus allgemeinen Ideen, aber das Material dafür muss aus Erfahrungen kommen. Das sehen wir bei Kant. Wirkliche Erfahrungen sind immer zusammengesetzt aus allgemeinen Ideen und der konkreten Erfahrung. Das ist das Problem bei Descartes, das erst der Empirismus löst.



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